Woche gegen Rassismus 2019
Mentale Gesundheit ist keine Privatsache
Queere Menschen sind deutlich häufiger psychisch belastet. Doch das Problem liegt nicht im Queersein selbst, sondern oft in Diskriminierung, Ausgrenzung und fehlender Akzeptanz. Der Basler Verein kweercare fragt deshalb: Wie kann Fürsorge aussehen, die nicht nur beim Individuum ansetzt? von Noemie Keller
Beitrag: Kweercare "Mentale Gesundheit ist Care-Arbeit"
Queere Menschen sind überdurchschnittlich häufig psychisch belastet. Der Grund liegt nicht im Queersein selbst, sondern kann unter anderem in Diskriminierung, Ausgrenzung und fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz liegen.
«Das Thema ist, dass eigentlich nicht das Queer-Sein Probleme macht, sondern die Umwelt», sagt Maximilian Grieger, Präsident des Basler Vereins kweercare.
Der Ende 2025 gegründete Verein beschäftigt sich mit der Frage, wie Fürsorge, also Care, innerhalb und ausserhalb queerer Communities aussehen kann. In regelmässigen Soirées bringt kweercare Community, Fachpersonen und Gesellschaft miteinander ins Gespräch. Bei der jüngsten Ausgabe in der Kaserne Basel ging es um mentale Gesundheit als Care-Arbeit.
Wenn viele kleine Erfahrungen zur Belastung werden
Psychische Belastung entsteht nicht nur durch einzelne einschneidende Erlebnisse. Auch viele kleine Erfahrungen können sich mit der Zeit summieren.
Der Psychiater und Psychotherapeut David Garcia Nuñez, Leiter des Zentrums für Geschlechtervarianz am Universitätsspital Basel, beschreibt das mit dem Modell des Minderheitenstresses.
«Solche Blicke, solches Deadnaming, das sind so wie kleine Pfeile, die gegen die LGBT-Community geschickt werden», erklärte er an der Soirée. «Ein kleiner Pfeil macht nicht weh, aber 100 Millionen von Pfeilen an einem Tag verursachen dann eine grosse Wunde.»
Gemeint sind wiederkehrende Situationen im Alltag: abschätzige Reaktionen, falsche Namen oder das ständige Abwägen, ob es sicher ist, sich an einem bestimmten Ort zu outen.
Wenn ein Teil psychischer Belastung durch das gesellschaftliche Umfeld entsteht, kann die Verantwortung dafür allerdings nicht allein bei den Betroffenen liegen.
Selbstfürsorge kann strukturelle Probleme nicht lösen
Auf sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zu achten, ist wichtig. Selfcare kann aber nicht die einzige Antwort auf gesellschaftlich verursachte Belastungen sein.
Wie schwierig das werden kann, zeigt ein Beispiel, das Alessandra Widmer, Co-Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz, an der Soirée erzählte.
Eine junge transfeminine Person hatte während eines Klinikaufenthalts einen Teil ihrer Energie dafür aufwenden müssen, andere Transpersonen zu unterstützen und sich etwa dafür einzusetzen, dass nicht ihre Deadnames verwendet wurden.
«Es war für sie unglaublich schwierig, in diesem Kontext überhaupt zu heilen, weil so viel von ihrer Zeit und Energie dafür genutzt werden musste, einmal zu existieren in diesem Raum», erzählt Widmer. Besonders geblieben sei ihr ein Satz der Person: «Ich wollte einfach nur über meine Probleme reden, aber dann sprachen wir eine Stunde über Politik.»
Ausgerechnet an einem Ort, an dem eine Person entlastet werden sollte, kann fehlende Sensibilisierung so selbst zum zusätzlichen Stressfaktor werden.
Widmer warnt deshalb auch davor, Care auf individuelle Selbstoptimierung zu reduzieren. Keine Atemübung, kein Fitnessgerät und kein Proteinriegel könne die gesellschaftlichen Bedingungen verändern, in denen Menschen sich nicht sicher oder ausreichend umsorgt fühlen.
Care bedeutet damit auch, Strukturen zu verändern, die Belastungen überhaupt erst verursachen.
Community kann Halt geben und selbst Druck erzeugen
Professionelle Angebote lassen sich nicht durch Freundschaften oder Community ersetzen. Trotzdem können Wahlfamilien, Freundeskreise und queere Räume wichtige Schutzfaktoren sein.
Der Historiker und Drag-Künstler Tobias Urech erlebte das selbst bei der queeren Jugendorganisation Milchjugend.
«Ich glaube, ich würde heute nicht hier sitzen, wenn ich nicht bei der Milchjugend gelandet wäre und ganz viele Dinge ausprobieren konnte, auch lernen konnte von den anderen», sagte Urech. Zentral sei, «dass wir gemeinsam irgendwie uns stärken müssen».
Solche Räume können Menschen ermöglichen, Erfahrungen zu teilen, ohne sie jedes Mal von Grund auf erklären zu müssen. Doch auch queere Communities sind nicht automatisch frei von Ausgrenzung und Druck.
Garcia Nuñez sprach an der Soirée beispielsweise über Körpernormen in schwulen Communities oder über Erwartungen an trans Personen, möglichst schnell einem bestimmten Bild von Männlichkeit oder Weiblichkeit zu entsprechen. Community könne Halt geben, gleichzeitig aber auch neue Normen produzieren.
Care bedeutet deshalb auch, die eigenen Vorstellungen immer wieder zu hinterfragen und aufmerksam dafür zu bleiben, wo innerhalb der eigenen Community Ausschlüsse entstehen.
Care braucht mehrere Ebenen
Für kweercare gibt es deshalb nicht die eine Lösung für psychische Belastungen.
Der Verein orientiert sich an einem Care-Verständnis, das mehrere Ebenen zusammendenkt: Selbstfürsorge, tragfähige Beziehungen und das gesellschaftliche Umfeld.
Care kann bedeuten, auf die eigenen Grenzen zu achten. Sie kann aber genauso darin bestehen, jemandem zuzuhören, einen sicheren Raum zu schaffen oder einzugreifen, wenn eine andere Person diskriminiert wird. Und sie kann bedeuten, Institutionen und gesellschaftliche Strukturen so zu verändern, dass Betroffene nicht ständig selbst dafür verantwortlich sind, mit deren Folgen umzugehen.
Mit seinen Soirées will kweercare Raum für genau diese Diskussionen schaffen.
«Wir merken, dass gerade ein grosser Gesprächsbedarf innerhalb der Community ist», sagt Grieger. «Und das möchten wir mit unseren kweercare-Soirées erreichen: diesen Safe Space auch zu schaffen.»
Die nächste kweercare-Soirée findet am Samstag, 31. Oktober, um 16 Uhr im Literaturhaus Basel statt. Thema ist Palliative Care. Die Soirées werden aufgezeichnet und im Nachgang auch als Podcast veröffentlicht.
Die Woche
Lesungen, Theater, Diskussion, Musik, Ausstellungen und vieles mehr: Die Woche gegen Rassismus 2019 in Basel bietet ein vielfältiges Programm, sie findet statt von: Montag, 18. März bis Sonntag, 24. März 2019
Radio X setzt in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Organisationen und Beteiligten ein Zeichen gegen Rassismus und andere Formen von Diskriminierung. Ziel ist es, die lokale Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren und gemeinsam in einen Dialog zu treten.
Während der ganzen Woche strahlt Radio X jeweils um 11:30 Uhr und um 16:30 Uhr thematische Beiträge aus.
Flyer Woche gegen Rassismus in Basel 2019
Medienmitteilung Woche gegen Rassismus 18.-24.3.19 mit Programm
Das Programm
Montag, 18. März 2019
Forumtheater "Sans Frontières" - Ein interaktiver Theaterabend zum Thema Diskriminierung und Rassismus.
19.30 Uhr, KLARA (Clarastrasse 13)
Eintritt frei.
Dienstag, 19. März 2019
Uni von unten: «Alltäglicher Ausnahmezustand: Racial Profiling in der Schweiz» mit Mohamed Wa Baile, Sarah Schilliger und Claudia Wilopo
19 Uhr, Internetcafé Planet 13 (Klybeckstrasse 60, 4057 Basel)
Eintritt frei.
Mittwoch, 20. März 2019
Liveübertragung Radio X, mit Interviews live vor Ort: Abendschule Import, Bla*Sh, Theater Niemandsland, Kulinarisches von Schnaboule Schnaboule und Musik zum Thema «Migration und Musik» mit Leila Moon.
17-22 Uhr, Keck Kiosk (Kaserne)
Ausstellung*: Bundes(asyl)lager- Zunehmende Isolierung und Kontrolle im Migrationsregime Schweiz
ab 19 Uhr in der Carambolage (Erlenstrasse 34, 4058 Basel)
Donnerstag, 21. März 2019
Podiumsdiskussion «Racial Profiling» mit szenischen Sequenzen des Theaters Niemandsland.
Auf dem Podium: Michel Hostettler (Community Policing Kleinbasel), Tobias Burkhard (Ausbildungsleiter KaPo BS), Nahom Mehret (Schweizer, geb. in Eritrea), Yvonne Apiyo Brändle-Amolo (SP Politikerin Zürich, Künstlerin).
Moderation: Bernard Senn, SRF
Mit dabei: BastA!, STOPP Rassismus u.a.
19 Uhr, Offene Kirche Elisabethen
Eintritt frei.
Ausstellung*: Bundes(asyl)lager- Zunehmende Isolierung und Kontrolle im Migrationsregime Schweiz
ab 19 Uhr in der Carambolage (Erlenstrasse 34, 4058 Basel)
Freitag, 22. März 2019
Bla*Sh, Legion Seven, Brandy Butler (CH)
Mehrstimmige Lesung, Performance, Konzert, Büchertisch
19 Uhr (Doors: 18.30 Uhr), Rossstall II, Kaserne Basel
Eintritt frei.
Ausstellung*: Bundes(asyl)lager- Zunehmende Isolierung und Kontrolle im Migrationsregime Schweiz
ab 19 Uhr in der Carambolage (Erlenstrasse 34, 4058 Basel)
Samstag, 23. März 2019
Afrika-Stadtrundgang des Zentrums für Afrikastudien
The tour will take place in English and is free of charge. Reservations are requested but not required.
14 Uhr, meeting point: at the pyramides in front of the Offene Kirche Elisabethen
Offener Hörsaal: Interaktiver Parcours**, über Hürden und Weichen auf dem schweizerischen Bildungsweg
16.00-18.30 Uhr, Foyer Junges Theater Basel
Eintritt frei.
Ausstellung*: Bundes(asyl)lager- Zunehmende Isolierung und Kontrolle im Migrationsregime Schweiz
ab 19 Uhr
Input: Wie die Schweiz Migrant*innen 2019 isoliert und verwaltet.
20 Uhr in der Carambolage (Erlenstrasse 34, 4058 Basel)
Sonntag, 24. März 2019
Afrika-Stadtrundgang des Zentrums für Afrikastudien auf Deutsch
14 Uhr, Treffpunkt: Pyramiden-Platz (Elisabethenstrasse)
Reservierung erbeten, aber nicht zwingend erforderlich.
Eintritt frei.
* Die Ausstellung beschäftigt sich mit der Neustrukturierung des Asylverfahrens und der Einführung der Bundeslager in der Schweiz. Mit der sogenannten Beschleunigung der Verfahren sollen Menschen effizienter verwaltet und ausgeschafft werden. Dafür nimmt das Staatssekretariat für Migration (SEM) Bundeslager in Betrieb, welche nicht nur die Unterbringung, sondern auch das gesamte Verfahren unter einem Dach zentralisieren und vereinheitlichen. Diese Praxis isoliert die betroffenen Menschen noch stärker vom Rest der Gesellschaft und lässt noch weniger Raum zur Selbstbestimmung. Um die Lagerpolitik umzusetzen, baut der Staat auf die Mitarbeit von Privatfirmen und NGOs.
** Bildungsparcours: Sprichst Du ausreichend Deutsch, um in der Schule mitzukommen? Wirst Du bei/auf deinem Bildungsweg unterstützt? Entsprichst Du den Bewertungskriterien des Schulsystems? Reicht das Geld für eine Ausbildung? Bringst Du die geforderten/nötigen Dokumente mit, um eine Ausbildung zu beginnen? Haben alle Menschen in der Schweiz dieselben Chancen auf Bildung? In einem interaktiven Parcours erfährst Du, welche Weichen gestellt werden und welche Hürden es zu überwinden gibt auf dem schweizerischen Bildungsweg. Ähnlich einem Leiter-Spiel, wirst Du, ausgestattet mit einer neuen Identität, unterschiedliche Aufgaben lösen, um Stufe für Stufe deinem Ziel näherzukommen.
Ausstrahlungstermine
Montag 18.3. - Sonntag, 24.3.19, täglich um 11.30 h (Wdh. 16.30 h)
Redaktionelle Beiträge auf Radio X zu diversen Themen in der Woche gegen Rassismus
u.a. mit FIASKO und STOPP Rassismus
Donnerstag 21.3., 18 h & Samstag 23.3.19, 13 h
Sendung X-Plus von Schüler/innen der FMS Münchenstein
Samstag 23.3., 16 h & Sonntag 24.3.19, 10 h
Ausstrahlung der Podiumsdiskussion zu "Racial Profiling" vom Donnerstag 21.3.19 in der Offenen Kirche Elisabethen
Kontakt
tatiana.vieira@radiox.ch
rebecca.haeusel@radiox.ch
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