Album der Woche: BOMBE SUR LE GROUPE CHAT von Barbicop
Ein Glitchpopstar mit Main-Character-Syndrom ist nichts Neues. Aber ein Anxiety-Freak und Loser, der die eigenen Unsicherheiten auf der Bühne hypermodifiziert, ist durchaus interessant: Barbicop verbindet auf ihrem Debütalbum «BOMBE SUR LE GROUPE CHAT» maximalistischen Hyperpop mit den unangenehmen Seiten des Alltags: unerwiderten Crushes, gescheiterten Flirtversuchen und dem endlosen Grübeln nach einer Begegnung. von Mirco Kaempf
Album der Woche: Barbicop - BOMBE SUR LE GROUPE CHAT
Das Debütalbum von Barbicop erschien am 23.10.26 via Irascible
Wie melancholisch kann Mario Kart sein? Barbicop ist das Projekt der Schweizer Musikerin Madeleine Sandri. Entstanden vor rund fünf Jahren im Umfeld des DIY-Kulturorts Loophole in Berlin. Auf den früheren EPs «Upwards and Inwards» und «Barbicopium» arbeitete Sandri noch mit englischen Texten und abstrakteren Metaphern. Für Debütalbum wechselte sie ins Französische und schreibt direkter und persönlicher. Statt eine musikalische Kunstfigur zu konstruieren, stellt sie die eigenen Gefühle ins Zentrum – inklusive des Gefühls, peinlich, awkward oder einfach gênant zu sein.
Zwischen digitalem Maximalismus und verletzlicher Direktheit tauchen dabei auch zärtliche Momente auf. «Salle d'attente» handelt von der Hilflosigkeit, einen nahestehenden Menschen leiden zu sehen. Am Anfang und am Ende des Albums, in «nature or nurture» und «xp», überlagern sich zudem Aufnahmen von Sandris musikalischen Grosseltern aus Graubünden mit ihrer digitalen Soundwelt. So kreist das Album neben Identität und Angst auch um Familie und Herkunft.
«BOMBE SUR LE GROUPE CHAT» macht aus Unsicherheit keine coole Kunstfigur, sondern einen Verstärker für etwas sehr Menschliches. Hyperpop wird hier zum Raum, in dem auch das Unbeholfene, Widersprüchliche und Verletzliche seinen Platz findet.