Mentale Gesundheit ist keine Privatsache
Queere Menschen sind deutlich häufiger psychisch belastet. Doch das Problem liegt nicht im Queersein selbst, sondern oft in Diskriminierung, Ausgrenzung und fehlender Akzeptanz. Der Basler Verein kweercare fragt deshalb: Wie kann Fürsorge aussehen, die nicht nur beim Individuum ansetzt? von Noemie Keller
Beitrag: Kweercare "Mentale Gesundheit ist Care-Arbeit"
Queere Menschen sind überdurchschnittlich häufig psychisch belastet. Der Grund liegt nicht im Queersein selbst, sondern kann unter anderem in Diskriminierung, Ausgrenzung und fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz liegen.
«Das Thema ist, dass eigentlich nicht das Queer-Sein Probleme macht, sondern die Umwelt», sagt Maximilian Grieger, Präsident des Basler Vereins kweercare.
Der Ende 2025 gegründete Verein beschäftigt sich mit der Frage, wie Fürsorge, also Care, innerhalb und ausserhalb queerer Communities aussehen kann. In regelmässigen Soirées bringt kweercare Community, Fachpersonen und Gesellschaft miteinander ins Gespräch. Bei der jüngsten Ausgabe in der Kaserne Basel ging es um mentale Gesundheit als Care-Arbeit.
Wenn viele kleine Erfahrungen zur Belastung werden
Psychische Belastung entsteht nicht nur durch einzelne einschneidende Erlebnisse. Auch viele kleine Erfahrungen können sich mit der Zeit summieren.
Der Psychiater und Psychotherapeut David Garcia Nuñez, Leiter des Zentrums für Geschlechtervarianz am Universitätsspital Basel, beschreibt das mit dem Modell des Minderheitenstresses.
«Solche Blicke, solches Deadnaming, das sind so wie kleine Pfeile, die gegen die LGBT-Community geschickt werden», erklärte er an der Soirée. «Ein kleiner Pfeil macht nicht weh, aber 100 Millionen von Pfeilen an einem Tag verursachen dann eine grosse Wunde.»
Gemeint sind wiederkehrende Situationen im Alltag: abschätzige Reaktionen, falsche Namen oder das ständige Abwägen, ob es sicher ist, sich an einem bestimmten Ort zu outen.
Wenn ein Teil psychischer Belastung durch das gesellschaftliche Umfeld entsteht, kann die Verantwortung dafür allerdings nicht allein bei den Betroffenen liegen.
Selbstfürsorge kann strukturelle Probleme nicht lösen
Auf sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zu achten, ist wichtig. Selfcare kann aber nicht die einzige Antwort auf gesellschaftlich verursachte Belastungen sein.
Wie schwierig das werden kann, zeigt ein Beispiel, das Alessandra Widmer, Co-Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz, an der Soirée erzählte.
Eine junge transfeminine Person hatte während eines Klinikaufenthalts einen Teil ihrer Energie dafür aufwenden müssen, andere Transpersonen zu unterstützen und sich etwa dafür einzusetzen, dass nicht ihre Deadnames verwendet wurden.
«Es war für sie unglaublich schwierig, in diesem Kontext überhaupt zu heilen, weil so viel von ihrer Zeit und Energie dafür genutzt werden musste, einmal zu existieren in diesem Raum», erzählt Widmer. Besonders geblieben sei ihr ein Satz der Person: «Ich wollte einfach nur über meine Probleme reden, aber dann sprachen wir eine Stunde über Politik.»
Ausgerechnet an einem Ort, an dem eine Person entlastet werden sollte, kann fehlende Sensibilisierung so selbst zum zusätzlichen Stressfaktor werden.
Widmer warnt deshalb auch davor, Care auf individuelle Selbstoptimierung zu reduzieren. Keine Atemübung, kein Fitnessgerät und kein Proteinriegel könne die gesellschaftlichen Bedingungen verändern, in denen Menschen sich nicht sicher oder ausreichend umsorgt fühlen.
Care bedeutet damit auch, Strukturen zu verändern, die Belastungen überhaupt erst verursachen.
Community kann Halt geben und selbst Druck erzeugen
Professionelle Angebote lassen sich nicht durch Freundschaften oder Community ersetzen. Trotzdem können Wahlfamilien, Freundeskreise und queere Räume wichtige Schutzfaktoren sein.
Der Historiker und Drag-Künstler Tobias Urech erlebte das selbst bei der queeren Jugendorganisation Milchjugend.
«Ich glaube, ich würde heute nicht hier sitzen, wenn ich nicht bei der Milchjugend gelandet wäre und ganz viele Dinge ausprobieren konnte, auch lernen konnte von den anderen», sagte Urech. Zentral sei, «dass wir gemeinsam irgendwie uns stärken müssen».
Solche Räume können Menschen ermöglichen, Erfahrungen zu teilen, ohne sie jedes Mal von Grund auf erklären zu müssen. Doch auch queere Communities sind nicht automatisch frei von Ausgrenzung und Druck.
Garcia Nuñez sprach an der Soirée beispielsweise über Körpernormen in schwulen Communities oder über Erwartungen an trans Personen, möglichst schnell einem bestimmten Bild von Männlichkeit oder Weiblichkeit zu entsprechen. Community könne Halt geben, gleichzeitig aber auch neue Normen produzieren.
Care bedeutet deshalb auch, die eigenen Vorstellungen immer wieder zu hinterfragen und aufmerksam dafür zu bleiben, wo innerhalb der eigenen Community Ausschlüsse entstehen.
Care braucht mehrere Ebenen
Für kweercare gibt es deshalb nicht die eine Lösung für psychische Belastungen.
Der Verein orientiert sich an einem Care-Verständnis, das mehrere Ebenen zusammendenkt: Selbstfürsorge, tragfähige Beziehungen und das gesellschaftliche Umfeld.
Care kann bedeuten, auf die eigenen Grenzen zu achten. Sie kann aber genauso darin bestehen, jemandem zuzuhören, einen sicheren Raum zu schaffen oder einzugreifen, wenn eine andere Person diskriminiert wird. Und sie kann bedeuten, Institutionen und gesellschaftliche Strukturen so zu verändern, dass Betroffene nicht ständig selbst dafür verantwortlich sind, mit deren Folgen umzugehen.
Mit seinen Soirées will kweercare Raum für genau diese Diskussionen schaffen.
«Wir merken, dass gerade ein grosser Gesprächsbedarf innerhalb der Community ist», sagt Grieger. «Und das möchten wir mit unseren kweercare-Soirées erreichen: diesen Safe Space auch zu schaffen.»
Die nächste kweercare-Soirée findet am Samstag, 31. Oktober, um 16 Uhr im Literaturhaus Basel statt. Thema ist Palliative Care. Die Soirées werden aufgezeichnet und im Nachgang auch als Podcast veröffentlicht.