Woche gegen Rassismus 2020
Aktivitäten in Basel vom 16.-22. März 2020
Radio X organisiert in Basel-Stadt die Woche gegen Rassismus. Damit wollen wir ein Zeichen gegen Rassismus und andere Formen von Diskriminierung setzen.
Aufgrund der "ausserordentlichen Lage" und den Verordnungen des Bundes (Stand: 16.3.2020) können die öffentlichen Veranstaltungen nicht wie geplant durchgeführt werden. Das Programm auf dem Sender findet statt, das Programm findet ihr hier.
Die Woche
Radio X setzt in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Organisationen und Beteiligten ein Zeichen gegen Rassismus und andere Formen von Diskriminierung. Ziel ist es, die lokale Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren und gemeinsam in einen Dialog zu treten.
Wenn Wände erzählen
Eine Zeitreise durch die Geschichte des ersten Jugendhauses der Schweiz
Das Basler Sommercasino ist über 195 Jahre alt. Die alte Villa am Rand der Stadt birgt eine Geschichte voller Höhen und Tiefen. Wir machen eine Reise zurück zu den Anfängen des Hauses und haben mit vielen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gesprochen. von Hanna Girard
20.01.11 und 20.01.12 HörboX zum Basler Sommercasino
Das Sommercasino in Basel gehört für viele so sehr zur Stadt wie das Münster oder das Spalentor. Über 75 Jahre lang war die alte Villa zwischen Aeschenplatz und Münchensteinerbrücke, ausserhalb des Stadtzentrums, ein Jugendhaus. Doch diese Zeit beschreibt nur ein Bruchteil einer langen und bewegten Geschichte: Von Hochzeiten, Spieleabende der Basler Oberschicht, einer Flüchtlingsunterkunft zur Zeit des zweiten Weltkriegs oder ersten Konzerterfahrungen junger Musikerinnen und Musikern.
Der erste Kuss, das erste Mal auswärts tanzen gehen oder auf einer Bühne stehen: Es gibt in Basel wohl kaum jemanden, der keine Anekdote zum Sommercasino erzählen kann. 75 Jahre lang war die alte Villa ausserhalb der Basler Altstadt ein Jugendhaus, das erste der Schweiz. Es liegt zwischen dem Aeschenplatz und der Münchensteinerbrücke in einem grünen Park umringt von hohen Bäumen. Die einen nennen die alte Villa die Hochburg der Basler Nachwuchsförderung, die anderen bezeichnen sie liebevoll als den Ort ihrer Jugend.
Auch wenn das Sommercasino heute mit langen Nächten, Partys und Konzerten in Verbindung gebracht wird, ging es früher in der alten Villa sehr gesittet zu und her. Erbaut zwischen 1822 und 1824, diente die klassizistische Villa als Gesellschaftshaus der reichen Basler Oberschicht. Spielabende, Tanzveranstaltungen und Hochzeiten waren damals an der Tagesordnung.
Bis 1937 gehörte das Sommercasino der Stadtcasino-Gesellschaft. Dann kam die Gesellschaft in finanzielle Nöte und musste die Villa verkaufen. Während den Kriegsjahren lebten jüdische Flüchtlinge aus Deutschland im Sommercasino. Nur noch wenige wissen heute noch von dieser Zeit. George Hennig ist einer von ihnen. 14 Jahre lang leitete er das Sommercasino als Jugendhaus, organisierte Konzerte und Partys und koordinierte zahlreiche Freiwillige.
In den 1990-er Jahren nahm ein altes jüdisches Ehepaar Kontakt mit ihm auf. Die beiden lebten in Amerika und besuchten Verwandte in Basel. Sie waren aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Basel geflüchtet und wurden im Sommercasino interniert. Sie wollten die alte Villa noch einmal besuchen. "Beide waren sehr freundlich und neugierig", erinnert sich George Hennig. "Wir gingen gemeinsam durch das ganze Haus. Als wir in der Küche ankamen, mussten wir den Rundgang abbrechen. Es war wohl etwas zu viel für sie."
Auch Pia Spohn weiss noch von dieser Zeit. Heute ist die zarte Dame 84 Jahre alt. Sie ist adrett gekleidet, trägt einen feinsäuberlich geschnittenen Bob und hat wache, grüne Augen. Heute noch lebt Pia Spohn nur einen Steinwurf vom Sommercasino entfernt. Ihre Mutter kam als junge Frau aus Deutschland nach Basel und hatte regen Briefkontakt zu Bekannten und Verwandten aus ihrer Heimatstadt Mannheim. So wurde in Pia Spohns Elternhaus oft über den Krieg gesprochen. Kurz nach Ausbruch des zweiten Weltkriegs erhielt Pia Spohns Mutter einen Brief von einem Bekannten aus Mannheim. Er war jüdischer Herkunft und hatte Deutschland als Flüchtling verlassen. In Basel angekommen, wurde er im Sommercasino untergebracht. Pia Spohn und ihre Mutter eilten dorthin und suchten ihn. Pia Spohn war zu diesem Zeitpunkt etwa vier Jahre alt.
Pia Spohn kann sich an einen hohen Zaun erinnern, der die Villa und den Park umgab. Durch die Maschen konnte sie hinüber zum Sommercasino blicken und sah im Park Leute auf und ab gehen. Nach kurzer Zeit entdeckten sie und ihre Mutter den Bekannten. Durch den Zaun konnte sich ihre Mutter mit ihm unterhalten. "Sie waren glücklich und traurig zugleich", erinnert sich Pia Spohn. Ihre Mutter hatte ihr eine Schokolade gegeben, die sie dem Herrn zuwerfen sollte. "Das hat aber erst nach einer Weile geklappt, da der Zaun sehr hoch war", erinnert sie sich.
Bis 1942 blieb das Sommercasino ein Internierungslager. Der Strom der Flüchtlinge ab. Die Schweiz hatte ihre Grenzen geschlossen. Eine kurze Zeit beherbergte die alte Villa ein Brockenhaus, dann lebten Sozialhilfeempfänger in den alten Zimmern. Das Sommercasino auf seinem ruhigen Hügel verwaiste und kam herunter. Die Treppenstufen der Veranda waren zerbrochen, die Fenster mit Holzplanken vernagelt. Die Regierung diskutierte sogar, ob man die alte Villa abreissen sollte.
Dann die Wende: 1962 übernahm die Jugendarbeit Basel die Villa und eröffnete darin das erste Jugendhaus der Schweiz. Das Sommercasino wurde herausgeputzt, renoviert und die Räume für ihre neue Nutzung umgebaut. Die alte Villa sollte ein Zufluchtsort für die Jugendlichen von Basel sein, ein Ort wo sie sich beschäftigen konnten. In den oberen Stockwerken wurden Ateliers eingerichtet. Dort konnte man Kerzen ziehen, töpfern, Theater und Billard spielen.
Ende der 1960-er Jahre war das Sommercasino einer der wenigen Orte, wo Jugendliche tanzen gehen konnten. Im Keller der Villa richteten ein paar junge Männer einen Club ein. Aus einer alten Tramführerkabine gestalteten sie ein DJ-Pult und legten an vielen Abenden moderne Musik auf: kein Jazz, kein Schlager. Endlich, dachten viele. Die Disco «Trämmli» prägte viele Generationen. Viele junge Baslerinnen und Basler lernten im Sommercasino das Nachtleben kennen, besuchten dort ihr erstes Konzert oder plauderten auf den Stufen der alten Veranda ganze Nächte durch.
Nicht nur erste Konzerte wurden besucht, scheue Küsse verteilt und Biere getrunken. Auch musiziert wurde viel. Das Sommercasino in Basel war und ist heute noch ein Tempel für Nachwuchsmusikerinnen und Nachwuchsmusiker. So verhalf der Nachwuchswettbewerb «Sprungbrett» beispielsweise Adrian Sieber, Sänger der «Lovebugs», zum ersten Mal auf die Bühne. Heute tourt er durch ganz Europa. Rückblickend zweifelt er daran, ob er den Sprung in die Musikerszene geschafft hätte, wenn er sich damals, 1993, nicht auf die Bühne des Sommercasinos getraut hätte: «Ich verdanke diesem Haus so viel. Dort habe ich so viel gelernt.”
Auch heute noch machen viele junge Leute im Sommercasino den ersten Schritt auf eine Bühne. Das Haus wird seit 2016 vom Verein Junge Kultur Basel betrieben und ist heute kein Jugendhaus mehr. Konzerte und Kulturveranstaltungen finden jedoch immer noch statt.
Sendetermine der Radiosendung zur Geschichte des Sommercasinos:
Erste Ausstrahlung:
Samstag, 11. Januar 2020, 16:00 Uhr, Radio X, Hörbox
Wiederholung:
Sonntag , 12. Januar 2020, 10:00 Uhr, Radio X, Hörbox
Dieser Beitrag ist Hanna Girards Diplomarbeit, die im Rahmen ihrer Ausbildung an der Schweizer Journalistenschule MAZ entstanden ist.
Herzlich dankt sie:
Dominik Asche, Danielle Bürgin, Benedikt Erni, Mich Gehri, George Hennig, Jennifer Jans, Ueli Jäggi, Thomas Jenny, Max Kaufmann, Matieu Klee, Patrick Künzle, Michaela Liechti, Claire Micallef, Melchior Quitt, Benedikt Pfister, Adrian Sieber, Pia Spohn, Philipp Thurnherr
Programm
Montag, 16. März
11.30/16.30 Uhr
- Beitrag auf Radio X: Internetcafé Planet 13
20.00 Uhr
- +++abgesagt+++ Gegen Hass - Junge Poetinnen und Poeten setzen ein Zeichen gegen Hass und texten mit dringlicher Zärtlichkeit gegen Hetze und performen mit "Hate Speech" gegen "Hate Speech". Das Line-Up: Alex Hadjistamov, Lea Butscher, Mary Milanovic, Susan Reznik, Jeremy Chavez, Julie Roth u.a. Das WORTSTELLWERK organisiert den Anlass im Literaturhaus Basel (Barfüssergasse 3, 4051 Basel). Eintritt frei.
- Ausstrahlung der Texte auf Radio X am Donnerstag 19. März, 18 Uhr und Samstag 21. März, 13 Uhr (Wdh.)
Dienstag, 17. März
11.30/16.30 Uhr
- Beitrag auf Radio X: Verein Mitstimme
Mittwoch, 18. März
11.30/16.30 Uhr
- Beitrag auf Radio X: GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus
Donnerstag, 19. März
11.30/16.30 Uhr
- Beitrag auf Radio X: Projekt Netzwerk Antirassismus
18.00 Uhr
- Gegen Hass - Junge Poetinnen und Poeten setzen ein Zeichen gegen Hass. Ausstrahlung derTexte.
Freitag, 20. März
11.30/16.30 Uhr
- Beitrag auf Radio X: Awareness Basel
14.00 Uhr
- +++abgesagt+++ Eine Tour durch die Altstadt: Spannendes und Unerwartetes über Basels Verflechtungen mit Afrika in Vergangenheit und Gegenwart. Führung auf Deutsch. Besammlung: vis-à-vis Restaurant Atlantis (Klosterberg 13). Eintritt frei.
19.30 Uhr
- +++abgesagt+++ Theatertraining und Improvisation zu: Die Begegnung mit «dem Fremden». Was ist mir fremd? Was passiert bei Vorurteilen? Offenes Training mit dem Theater Niemandsland im UNION (Klybeckstrasse 95, 4057 Basel), 1. Stock. Mitnehmen: Gemütliche Kleider. Eintritt frei.
Samstag, 21. März
11.30/16.30 Uhr
- Beitrag auf Radio X : BaobabBooks «el reloj / die Uhr» von Nacha Vollenweider
13.00 Uhr
- Gegen Hass - Junge Poetinnen und Poeten setzen ein Zeichen gegen Hass. Ausstrahlung derTexte.
14.00 Uhr
- +++abgesagt+++ Join us for a tour of the inner city and learn more about the entangled history of Basel and Africa. Meeting point: vis-à-vis Restaurant Atlantis (Klosterberg 13). The tour will take place in English and is free of charge.
16.00 Uhr
- Sendung zur beruflichen und sozialen Integration mit Personen aus Eritrea und Somalia auf Radio X, von Vitamin B/Radioschule klipp+klang
19.30 Uhr
- +++abgesagt+++ Talk zu hate speech/Hass im Netz: Am Internationalen Tag gegen Rassismus diskutieren Jolanda Spiess-Hegglin, Feministin, Netzaktivistin, Gründerin und Geschäftsführerin von #NetzCourage und Nora Refaeil, Vizepräsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, Anwältin und Mediatorin sowie Martin R. Dean, Schriftsteller und Essayist. Begrüssung: Michael Wilke, Leiter Fachstelle Diversität und Integration des Präsidialdepartements Basel-Stadt. Moderation: Bernard Senn, Redaktor. In der Kaserne Basel, Rossstall 2. Eintritt frei. Ausstrahlung auf Radio X am Sonntag 22. März 10 Uhr, Donnerstag, 26. März 18 Uhr, Samstag, 28. März 13 Uhr.
22.00 Uhr, doors: 21 Uhr
- +++abgesagt+++ Konzert der Gaddafi Gals aus Berlin und Wien, die sich musikalisch zwischen Cloud-Rap und Avant-Garde-Pop bewegen. In ihren englischen Lyrics verbinden Gaddafi Gals gesellschaftliche Themen mit einer Prise Humor und Coolness. Ihre Musik ist Kunst und Politik in einem. Nicht politisch zu sein, sei in Zeiten von AfD und Trump gefährlich, so Gaddafi Gals. Eintritt 15 CHF, in der Kaserne Basel, Rossstall 1.
Sonntag, 22. März
10.00 Uhr
- Ausstrahlung der Diskussion vom 21. März: Talk zu "hate speech/Hass im Netz" mit Jolanda Spiess-Hegglin, Nora Refaeil, Martin R. Dean, Bernard Senn
11.30/16.30 Uhr
- Beitrag auf Radio X: Kantonspolizei Basel-Stadt
16.15 Uhr
- +++abgesagt+++ "Du heiratest einen von uns!" Wie erkennen wir rassistische Diskriminierung bei der Partnerwahl und wie gehen wir damit um? Speed Dating und partizipative Diskussion mit jungen Erwachsenen diverser Religionstraditionen, Fachpersonen und Vertreter*innen weiterer Interessengruppen. Die Veranstaltung wird im Rahmen von "Dialogue en Route" IRAS COTIS mit der Fachstelle Zwangsheirat organisiert. In der KLARA (Clarastrasse 13, 4058 Basel). Eintritt frei.
Samstag, 28. März
16.00 Uhr
- Sendung «(k)ein Rassismusproblem?»: Das Stadtrand-Team von Radio X mit dem anderen Blick auf Rassismus. Sonntag, 29. März um 10 Uhr (Wdh.)
Kontakt
rebecca.haeusel@radiox.ch
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