So Chlopfts: Radikale Zärtlichkeit im Mundartpopformat
Liebe, Zweifel, Einsamkeit, Begehren – und die Frage, wie man sich in dieser Welt mit der eigenen Stimme zurechtfindet: Auf seiner Debüt-EP So Chlopft’s macht Dominic Röthlisberger daraus sechs persönliche Songs. In poetischen schweizerdeutschen Versen singt Lauber über das Innenleben eines Menschen, der sich nicht gegen seine Verletzlichkeit panzern will. von Mirco Kaempf
Lauber - So Chlopfts
Dominic Röthlisberger veröffentlicht seine Mundart Debüt EP als Lauber
«Isch es zue / Wott’s uf / Isch es off / Tuet’s weh / Tuet’s weh / Macht’s wider zue / So chlopft’s / So chlopft’s / So chlopft’s lang no so»
Im Titeltrack wird das Herz zum kleinen Perpetuum mobile der EP. Es öffnet sich, schliesst sich, wird verletzt und klopft trotzdem weiter. So Chlopft’s sind Liebeslieder, aber nicht nur. Liebe ist hier weniger romantisches Thema als eine Form, sich der Welt auszusetzen. «Was bewegt mein Herz?» sei für ihn beim Schreiben die entscheidende Frage gewesen, erzählt Röthlisberger. Darin stecken Unsicherheit und Zweifel, aber auch die Schönheit, «dass man sich verbinden will».
So tönt’s
Musikalisch übersetzt Röthlisberger diese Innenschau in ein zurückhaltendes Kammerspiel. Klavier, Gitarre, Bass und Schlagzeug bilden das Songgerüst, dazu kommen Violine, Viola, Cello, Klarinette, Flügelhorn, Posaune – und eine Viola da Gamba, die Röthlisberger selbst einspielte.
«Einfach weil es ein schönes Instrument ist», sagt er auf die Frage, warum ausgerechnet eine Viola da Gamba auf einen Mundartpop-Song gehört.
Der Komponist und Songwriter, der sonst Musik für Film und Bühne schreibt, denkt auch hier vom Text her: «Beim Schreiben fange ich immer beim Text an.» Die Instrumente erweitern die Stimme, legen sich um einzelne Zeilen und geben den Emotionen Raum.
Sechs Jahre und ein halbes Jahr Paris
Das Projekt Lauber begann 2020. Danach verschwand es erst einmal hinter Theater- und Filmmusik. Eine halbjährige Residenz in Paris brachte das Songwriting wieder in Bewegung. Dort schrieb Röthlisberger «sehr, sehr viele Texte» und merkte, «dass viel Material in mir herumschlummert, das darauf wartet, herausgebracht zu werden».
Dass dieses Material ausgerechnet in Paris auf Schweizerdeutsch entstand, ist kein Widerspruch. Eher scheint die räumliche Distanz die Sprache näher an ihn herangerückt zu haben.
Mundart als Ehrlichkeit
«In Mundart kann ich mich wirklich hinter nichts verstecken», sagt Röthlisberger. Fremdsprachen können Distanz schaffen, eine Rolle ermöglichen. Mundart ist dagegen die Sprache, in der Alltag, Erinnerung und Intimität ineinanderfallen.
Das ist riskant. Schweizerdeutsch ist als Pop- und Literatursprache mit Kitschverdacht belastet – zwischen Ohrewürm-CDs und anbiedernden Mundartpop-Playlists. Röthlisberger selbst ist mit Mani Matter aufgewachsen und besteht trotzdem darauf, dass Mundart «eine poetische Sprache» sein kann.
Vielleicht liegt genau darin eine Stärke von So Chlopft’s: Die Texte wollen nicht besonders cool klingen. Sie wollen genau sein. Schweizerdeutsch wird hier nicht zum Gimmick, sondern zur direktesten verfügbaren Sprache.
Das Herz als politischer Ort
In «Löwezahn» heisst es: «Es isch immer e so gsi / I bi so wieni bi / Wie söui’s säge / Haut ebe normau / Wie dr Löwezahn au»
Ein paar Zeilen später wird es expliziter: queer, polyamor, ein Mensch unter Menschen. Trotzdem versteht Röthlisberger Lauber nicht als politisches Projekt. Es gehe ihm um Ehrlichkeit.
Gerade dadurch wird die Sache interessant. Diese Ehrlichkeit betrifft auch die Frage, was ein Mann zeigen darf. Röthlisberger singt über Bedürftigkeit, Einsamkeit, Zärtlichkeit und Verletzlichkeit, ohne daraus ein Statement über Männlichkeit zu machen.
«Dass ich, auch wenn ich männlich gelesen bin, nicht irgendwie keinen Zugang zu meinen Gefühlen habe. Das ist völlig absurd. Natürlich bin ich genauso verletzlich und genauso zärtlich wie andere Wesen.»
Vielleicht liegt darin die radikalste Idee dieser EP: Nicht die Welt erklären zu wollen, sondern sich selbst nicht von ihr abspalten zu müssen. «Letztlich kann ich, glaube ich, nur wirklich bei mir anfangen, irgendetwas über die Welt zu verstehen.»
So Chlopft’s erzählt deshalb nicht von der grossen Welt. Es erzählt davon, wie die grosse Welt in einem Menschen weiterklopft.