Drei Menschen in einem grossen runden Kontrollraum mit blinkenden Lampen und Bildschirmen

Atomkraft: Deine Entscheidung

Die Sonderausstellung "Atomkraft: Deine Entscheidung" im Historischen Museum Basel zeichnet nach, wie sich die Kernenergie-Debatte in der Schweiz entwickelt hat, und lädt die Besucher:innen ein, sich eine eigene Meinung zu bilden. Am Ende des Rundgangs stimmen sie im «Kontrollraum» selbst ab.  von Janina Labhardt

26.10.27 Ausstrahlung Atomkraft im Historischen Museum

Atomkraft: Deine Entscheidung! Die neue Ausstellung im Historischen Museum Basel

 

Als die ersten Atomkraftwerke in der Schweiz geplant und gebaut wurden, galt die Kernkraft als Zeichen für technischen Fortschritt und eine sichere Energieversorgung. Mit der Zeit meldeten sich jedoch vermehrt kritische Stimmen zu den Risiken der Kernenergie. Der Widerstand gegen das geplante Kernkraftwerk Kaiseraugst entwickelte sich ab den 1970er-Jahren zu einer der grössten Protestbewegungen der Schweizer Nachkriegsgeschichte und prägte die Region Basel über Jahrzehnte.

Eine wichtige Grundlage für die Ausstellung "Atomkraft: Deine Entscheidung" bildet die Sammlung der Dokumentationsstelle Atomfreie Schweiz. Sie dokumentiert die Anti-AKW-Bewegung und umfasst unter anderem Plakate, Aufkleber, Fotografien und Videos. Die Übernahme der Sammlung durch das HMB und das Staatsarchiv Basel-Stadt im Jahr 2021 gab den Anstoss, die Geschichte der Schweizer Kernenergie-Debatte in einer Ausstellung näher zu beleuchten.

"Mit der Ausstellung erzählen wir nicht nur die Geschichte der Anti-AKW-Bewegung, sondern nehmen die gesamte Debatte über die Kernenergie in den Blick", erklärt Benjamin Mortzfeld, Kurator am HMB. "Wir zeigen unterschiedliche Perspektiven auf die Kernenergie. Denn Fragen der Versorgungssicherheit, des Klimaschutzes, der Sicherheit von Atomkraftwerken und der Entsorgung radioaktiver Abfälle prägen die Diskussion bis heute."

Geschichte trifft auf Gegenwart

Wie aktuell diese Fragen sind, zeigen die jüngsten politischen Entwicklungen. Nachdem der Bau neuer Kernkraftwerke in der Schweiz 2017 verboten wurde, hat das Parlament im Sommer 2026 eine Revision des Kernenergiegesetzes verabschiedet. Dagegen ist das Referendum ergriffen worden. Voraussichtlich Anfang 2027 wird die Stimmbevölkerung darüber entscheiden. In Basel-Stadt sind die Behörden gesetzlich verpflichtet, sich mit rechtlichen und politischen Mitteln gegen die Errichtung von Atomkraftwerken im Kantonsgebiet und in dessen Nachbarschaft einzusetzen.

Kann ein Museum des Kantons Basel-Stadt die Frage nach der Atomkraft überhaupt offen stellen? "Das Historische Museum Basel ermöglicht mit der Ausstellung die Auseinandersetzung mit einem Thema der Zeitgeschichte, das gerade in unserer Region über Jahre hinweg heftig umkämpft war", erklärt Marc Zehntner, Direktor des HMB. "Das Museum bezieht in der Ausstellung keine Position, sondern zeigt den Prozess der Meinungsbildung und macht ihn direkt erlebbar. Wir bieten den Besucher:innen eine Gelegenheit, sich mit Fragen auseinanderzusetzen, die über die Kernenergie hinausreichen: Wie lassen sich Risiken und Chancen gegeneinander abwägen? Was beeinflusst unsere persönliche Haltung? Und wie wird aus unterschiedlichen Meinungen ein gemeinsamer Entscheid?"

Prozess der Meinungsbildung

Besucher:innen begegnen auf ihrem Rundgang durch die Ausstellung unterschiedlichen Stimmen aus Politik, Wissenschaft und Bevölkerung. Sie setzen sich mit Fragen zu Protest, Umwelt, Sicherheit und der Entsorgung radioaktiver Abfälle auseinander und halten auf einer persönlichen Entscheidungskarte fest, wie sie selbst zur Kernenergie stehen. Dabei prüfen sie Argumente und hinterfragen ihre eigene Haltung. Am Ende führt der Weg in den "Kontrollraum". Dort wird abgestimmt: Soll die Kernenergie ausgebaut oder endgültig abgeschaltet werden? Die Ausstellung zeigt am Beispiel der Kernenergie, wie Meinungsbildung und Entscheidungsfindung in einer direkten Demokratie zusammenkommen. Sie macht auch sichtbar, dass die Antwort auf eine komplexe Frage nicht unbedingt der Summe einzelner Einschätzungen entspricht.

Die Ausstellung ist vom 15. Oktober 2026 bis 4. Juli 2027 in der Barfüsserkirche zu sehen.