Zilla Leutenegger besetzt das Museum Tinguely
Mit Licht, Schatten und Projektionen breitet sich die Schweizer Künstlerin Zilla Leutenegger im gesamten Museum Tinguely aus. Ihre Ausstellung «Zwischenraum / Hindurchzuschauen» tritt dabei in einen überraschenden Dialog mit den Arbeiten von Jean Tinguely und dem Museum selbst. von Nahom Mehret
Zilla Leutenegger hat das Museum Tinguely besetzt
Zilla Leutenegger hat das Museum Tinguely besetzt
Zilla Leutenegger hat das Museum Tinguely besetzt. Mit Licht, Schatten und Projektionen. Allerdings ganz offiziell – auf Einladung des Museums.
Für ihre Ausstellung «Zwischenraum / Hindurchzuschauen» beschränkt sich die Schweizer Künstlerin nicht auf einen einzelnen Ausstellungsraum. Ihre Arbeiten verteilen sich über das ganze Museum, tauchen zwischen den Maschinen von Jean Tinguely auf und besetzen Treppen, Wände und Nischen. Fast wirkt es, als hätte Leutenegger das Museum Stück für Stück eingenommen.
Der Rundgang beginnt in einer Art Wohnzimmer. In der Mitte steht ein Flügel. Niemand sitzt davor, trotzdem erklingen Töne, wie von unsichtbarer Hand gespielt.
Rundherum erstreckt sich eine Landschaft aus Lampen. Die Lampen selbst sind an die Wand gemalt, ihr Licht hingegen wird projiziert. Blau, Rot und Grün leuchten im Rhythmus des Flügels auf. Die Farben überlagern und vermischen sich und lassen den Raum immer wieder anders erscheinen.
Im Hintergrund des Wohnzimmers befindet sich ein weiterer Flügel, oder genauer: das Bild eines Flügels. Es handelt sich um eine Monotypie, eine künstlerische Drucktechnik, bei der im Gegensatz zu klassischen Druckverfahren jeweils nur ein einziges, nicht reproduzierbares Exemplar entsteht.
Die Verbindung von analogen Arbeiten mit digitalen Projektionen ist typisch für die 58-jährige Schweizer Künstlerin. Leutenegger gestaltet Räume und Gegenstände häufig reduziert auf wenige Linien. Projektionen, Licht und Schatten setzen diese ansonsten statischen Arbeiten in Bewegung.
Das Museum wird Teil der Ausstellung
Für «Zwischenraum / Hindurchzuschauen» hat Leutenegger zahlreiche ihrer bestehenden Arbeiten an das Museum Tinguely angepasst. Ein Gorilla, der ursprünglich unter einer Treppe sass, kauert hier in einer riesigen Transportkiste. Bei der Arbeit «Plein Soleil» baumeln die Beine einer Frau nicht mehr von einem Sprungturm, sondern hoch oben von der Museumsbeleuchtung.
So wird das Museum selbst zum Teil der Ausstellung.
Je weiter man durch die Räume geht, desto mehr Spuren der neuen «Besetzerin» entdeckt man. Im Flur wartet eine Katze, zwischen Tinguelys Maschinen schläft ein Hund unbeeindruckt in seinem Korb.
Dabei stehen Leuteneggers Arbeiten nicht einfach neben den Werken Jean Tinguelys. Sie suchen den Austausch mit ihnen, obwohl die künstlerischen Sprachen der beiden im ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Tinguelys Maschinen sind gross, schwer und laut. Leuteneggers Interventionen wirken dagegen leise und leicht. Und trotzdem stehen sie im Austausch.
Ein Flugzeug hebt wieder ab
Wie dieser Dialog funktioniert, zeigt sich besonders eindrücklich an einem Propellerflugzeug, das von der Decke des Museums hängt. Leutenegger erweckt es mit einer Projektion zum Leben: Ein projizierter Propeller dreht sich passgenau auf dem Flugzeug, gleichzeitig flattert der projizierte Schal einer Pilotin im imaginären Fahrtwind.
Das Flugzeug, das schon seit Jahren im Museum Tinguely hängt, scheint plötzlich wieder zu fliegen. Und bei den Betrachtenden stellt sich beinahe automatisch Fernweh ein: Wohin fliegt diese Person? Was liegt vor ihr? In welches Abenteuer ist sie unterwegs? Doch kurz bevor man gedanklich selbst abhebt, kippt die Stimmung.
In einer Ecke des Raumes steht eine Telefonkabine. Darin zeichnet sich der Schatten einer Frau ab. Wer näher tritt, hört ihre Stimme: Sie ruft nach ihrer Mutter und wartet darauf, dass diese ans Telefon geht. Gerade noch Fernweh, jetzt Heimweh.
Aus der Leichtigkeit des Flugzeugs wird etwas Bedrückendes. Man bleibt vor der Telefonkabine stehen und ertappt sich dabei, der Frau zu wünschen, dass ihre Mutter endlich den Hörer abnimmt.
Geschichten ohne Anfang und Ende
Zilla Leutenegger erzählt nie die ganze Geschichte. Sie gibt den Besucher:innen Fragmente: eine Bewegung, einen Schatten, einen Satz. Was davor passiert ist und was danach geschehen wird, bleibt offen.
Vielleicht erklärt gerade diese Offenheit auch den Titel der Ausstellung: «Zwischenraum / Hindurchzuschauen».
Leutenegger schafft im Museum einen zweiten Raum, einen Raum, der eigentlich gar nicht existiert. Er entsteht durch Licht und Schatten, aus der Architektur des Museums und aus der Vorstellung der Betrachtenden.
Je länger man durch das Museum läuft, desto deutlicher wird: Leuteneggers «Besetzung» reicht durch das ganze Haus. Die Künstlerin ist der Einladung des Museum Tinguely gefolgt und hat es auf ihre eigene Art eingenommen. Dabei ist zwischen ihren Arbeiten, Tinguelys Maschinen und der Architektur etwas Neues entstanden: ein Zwischenraum.
Die Ausstellung «Zilla Leutenegger. Zwischenraum / Hindurchzuschauen» ist bis am 7. März 2027 im Museum Tinguely in Basel zu sehen.