Das Bild zeigt weisse Sprechblasen auf gelbem Hintergrund mit dem Inhalt "Hallo!", "Schön rufst du an", "das freut mich", "Danke!"

Ein Alltagstelefon gegen die Einsamkeit

Wir sind rund um die Uhr vernetzt, jederzeit erreichbar, digital verbunden. Ein Klick, ein Like, eine Nachricht im Gruppenchat. Und trotzdem, oder gerade deswegen, fühlen sich viele Menschen in unserer Gesellschaft einsam. Social Media gaukelt uns oft Nähe vor, doch wenn es darum geht, einfach mal ungezwungen über den Alltag zu sprechen, fehlt oft das echte Gegenüber. Genau hier setzt das Projekt «Mein Ohr für Dich – einfach mal reden» an. von Noemie Keller

26.07.26 Alltagstelefon

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Gegründet wurde das Alltagstelefon von Vereinspräsidentin Daniela Goetschel Schnitzer und Vorstandsmitglied Philippe Goetschel. Das Prinzip ist simpel, aber wirkungsvoll: Das Angebot ist nicht für Kriseninterventionen oder psychologische Beratungen gedacht, sondern um echte, menschliche Alltagsgespräche zu führen.

Philippe Goetschel erklärt das Konzept so:

«Wir bieten Alltagsgespräche an für Menschen, die gerade niemanden zum Sprechen haben. Das kann sein, dass ich im Moment gerade alleine bin zu Hause und Lust habe, mit jemandem zu sprechen. Das kann aber auch sein, dass ich wirklich in meinem Leben niemanden zum Sprechen habe und froh bin, wenn ich immer wieder mal auf diese Nummer anrufen kann.»

Social Media als «kaschierte Freundschaft»

Anrufen können grundsätzlich alle Menschen ab 16 Jahren. In letzter Zeit rücken jedoch vermehrt jüngere Menschen in den Fokus der Organisation. Denn Einsamkeit ist, gerade wegen der Isolation hinter den Bildschirmen, auch bei der Jugend ein riesiges Thema.

«Social Media ist natürlich eine kaschierte, eine künstliche Freundschaft, bei der viele junge Menschen das Gefühl haben, sie seien nicht einsam. Aber wenn es darauf ankommt, ist tatsächlich trotzdem niemand da», so Goetschel. «Genau darum setzen wir auf das klassische Telefon als Kontrapunkt. Wir finden, Beziehungen und Gespräche müssen wirklich noch in Echtheit und mit einer menschlichen Stimme gefeiert werden.»

Anonym, kostenlos und über Generationen hinweg

Wer die Nummer wählt, bleibt anonym und zahlt keinen Rappen. Ein Gespräch dauert maximal 30 Minuten, und man kann bis zu zweimal pro Woche anrufen. Am anderen Ende der Leitung sitzen über 50 geschulte Freiwillige im Alter zwischen 33 und 78 Jahren. Ein automatisches System verbindet die Anrufenden zufällig, was oft zu überraschenden und bereichernden Begegnungen zwischen den Generationen führt.

Daniela Goetschel Schnitzer erzählt:

«Das können ganz glatte Gespräche sein, wenn Jung und Alt gemischt sind. Denn man findet immer einen Punkt, den man gemeinsam hat. Und dann spielt es irgendwann gar keine Rolle mehr, wer am anderen Ende sitzt. Es ist einfach etwas ganz Lebendiges. Wie Alltagsgespräche im Einkaufsladen oder an der Tramhaltestelle.»

Für Menschen, die sich mehr Regelmässigkeit wünschen, gibt es zudem ein «Tandem-Angebot», bei dem man wöchentlich mit derselben Person telefoniert. Und sollte jemand am Telefon professionelle psychologische Hilfe benötigen, verweisen die Freiwilligen an entsprechende Fachstellen in der Deutschschweiz.

Ausgezeichnet mit dem Prix Schappo

Für ihre wertvolle Arbeit wurde die Initiative dieses Jahr mit dem 57. Basler Prix Schappo ausgezeichnet. Damit das Projekt jedoch weiterhin bestehen kann, ist der Verein auf Spenden angewiesen - denn das Angebot finanziert sich ausschliesslich über Freiwilligenarbeit und Spendengelder.

Ob als erster Schritt aus der Einsamkeit oder einfach aus Lust am Plaudern: Sich zu trauen, den Hörer in die Hand zu nehmen, ist das Ziel von «Mein Ohr für Dich - einfach mal reden».

Kontakt & Erreichbarkeit: Wer selbst Lust auf ein Gespräch hat oder einfach ein offenes Ohr braucht: Das Plaudertelefon ist kostenlos und vertraulich unter der Nummer 0800 500 400 erreichbar.

Weitere Informationen und Spendenmöglichkeiten gibt es unter www.meinohrfuerdich.ch