Insekten Interviews: Wer gibt wem eine Stimme?
Das Insektensterben ist auch in der Schweiz massiv, doch die kleinen Krabbeltiere werden oft übersehen. Zwei Vermittler zeigen jedoch, wie man Insekten nicht nur bemerkt, sondern auch in den Fokus rückt. Der Hobbyfotograf Neil Schlatter in seinem Naturprojekt und der Wissenschaftshistoriker Alexander Silaen in seiner Kolonialismusforschung. Dabei geben sie den Insekten eine Stimme – und die Insekten ihnen. von Miriam Lubrich
Insekten
Wie gibt man Insekten eine Stimme? Und wie geben sie uns eine zurück?
"Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt." Dieser berühmte Anfangssatz stammt von Franz Kafkas "Die Verwandlung" und steht sinnbildlich für den Ekel und das Unmenschliche, das wir mit Insekten assoziieren. Doch das soll sich ändern.
Insekten als Pokémon
Neil Schlatter ist Hobbyfotograf und hat diesen Sommer das Naturprojekt "Die übersehene Wildnis" gestartet. Damit möchte er auf Insekten und die Natur im Dreiländereck aufmerksam machen. Seine Faszination stammt aus seiner Kindheit, in der er sich "wie ein Insekt" gefühlt habe.
Bisher ist es eine Ein-Mann-Operation und beschränkt sich auf nächtliche Fotografie. Neil Schlatter hat jedoch grosse Zukunftspläne. So sollen mehr Partnerschaften und Sponsorings entstehen. Er will mit Schulen zusammenarbeiten, eine Datenbank erstellen und sogar eine App programmieren, in der man Insekten wie Pokémons sammeln kann.
Insekten als historische Akteur:innen
Die Absenz von Insekten, die man auf der Wiese spürrt sieht man in den Archiven und der Wissenschaft schon lange. Der Wissenschaftshistoriker Alexander Silaen forscht zu Insekten in der Geschichte, insbesondere in der Plantagenkultur auf Sumatra. Er plädiert dafür Insekten in der Geschichte nicht nur als passive Objekte sondern als Akteur:innen zu sehen.
Wenn man Insekten zentriert lernt man auch viel über Menschen. Was die Wissenschaft an Insekten erforscht und feststellt spiegelt immer menschliche Vorstellungen. So ist es beispielsweise bei den Geschlechterverhältnissen. Queere Insekten, also zum Beispiel homosexuelles Verhalten, Asexualität und Gynandromorphismus (eine Art Intersexualität) wurden wie bei Menschen lange nicht erforscht oder ernst genommen.
Ein anderes Beispiel, bei dem man die Wechselwirkung zwischen dem Diskurs auf Insekten und Menschen sieht, ist beim Begriff des Schädlings. Dieser wird vor allem von rechts als dehumanisierende Metapher verwendet ob als "Ungeziefer", "Zecke" oder "Blutsauger". Andersrum hat erst nach der Etablierung des Begriffs "Schädling" die Pestizidproduktion richtig angefangen.
Vermittlerrolle
In der Schweiz droht das Insektensterben einen immensen negativen Schaden mit sich zu bringen. Weil die Insekten sich nicht selbst einsetzen können braucht es Vermittelnde. Zwei davon sind der Fotograf Neil Schlatter, der im Dreiländereck ein Naturprojekt macht und der Wissenschaftshistoriker Alexander Silaen, der Insekten als historische Akteur:innen sieht. Mit unterschiedlichen Mitteln machen sie auf Insekten und ihre Rolle aufmerksam und geben ihnen so metaphorisch eine Stimme. Neil Schlatter, dem sie einen Blick für ästhetische Fotographien und Ideen für Bildungsprojekte geben. Alexander Silaen, dem sie erlauben, den Kolonialismus neu zu erzählen.