Album der Woche: Memories of Tomorrow von Window Sine
Das Debut-Album von Window Sine ist ein Album, das es schafft, unterschiedliche Elemente von Pop, brasilianischem Jazz bis hin zu experimentellen Tape-Kompositionen harmonisch zu vereinen. Es wird uns von Inspiration, Verarbeitung, unstillbarer Neugier, Selbstzweifel, aber auch Verwandlung zu einer klaren, selbstsicheren Haltung in Form eines gelungenen Debut-Albums erzählt. von Dion Monti
26.10.19 – ADW Window Sine Podcast
Das Debut Album Memories of Tomorrow von Window Sine
2026 ist ein sehr gutes Jahr für Musik aus Basel, mit vielen spannenden Alben in ganz unterschiedlichen Genres und Stilen. Ein gutes Beispiel ist das Debut-Album «Memories of Tomorrow» von Window Sine, das vor ein paar Wochen erschienen ist. Ein Album, das es schafft, unterschiedliche Elemente von Pop, brasilianischem Jazz bis hin zu experimentellen Tape-Kompositionen harmonisch zu vereinen. Es ist ein Album, das bewusst mit seinen Einflüssen und Referenzen arbeitet und über 7 Jahre und nach jeglichen Verwandlungen an den heutigen Punkt gekommen ist.
Ich hatte die Freude, letzte Woche, während seines Besuchs in New York, mit Window Sine alias Mehdi Chrigui, ein Zoom-Interview zu haben. Wir haben über den langen Entstehungsprozess, musikalische Obsessionen und ihren Einfluss sowie über Musikproduktion gesprochen.
Der Song, der als erstes für das Album geschrieben wurde, ist 2019 entstanden. Es ist der Song «Elevator», der jetzt in der Mitte des Albums ist und sehr gut Mehdis damalige Einflüsse repräsentiert. In den folgenden Jahren und unter dem Einfluss neuer musikalischer Obsessionen, aber auch zeitweise zurückgehalten von Unsicherheiten, hat Mehdi dann jegliche Songs neu überarbeitet, aufgenommen und gemischt, bis es dann vier bis fünf Versionen von allen Songs gab.
Musikalische Transparenz
Als generellen Ansatz erzählt Mehdi, dass er versucht, Musik zu machen, die einerseits am Anfang familiär oder sogar generisch wirken kann und dann auf den zweiten Blick doch so verdreht ist, dass man sie dann doch nicht erkennt und so die Musik interessant bleibt. Window Sine macht das besonders gut, indem er gewisse Melodien und Harmonien, die an seine frühen Einflüsse wie Genevieve Artadi, Louis Cole und Pedro Martins erinnern, mit späteren Einflüssen aus der dänischen Szene wie ML Buch vermischt. Auf pop-übliche Songstrukturen verzichtet Window Sine fasst ganz und beruht sich dabei viel mehr auf seine Erfahrung mit experimenteller Komposition.
Besonders spannend ist Mehdis Umgang mit Inspiration: Etwas, das bei Musiker*innen selten ausgedruckt wird ist, dass sie es gerne haben, wenn die Einflüsse klar erkennbar sind, die meisten neigen eher zum gegenteil. Mehdi schätzt dies und redet von «musikalischer Transparenz». Im Zeitalter, wo die meisten Leute sich einig sind, dass nichts Neues mehr entstehen kann weil alles schon gemacht wurde, ist dies eine erfrischende Haltung.
Im Verlauf des Albums gibt es viele verschiedene Songs zu entdecken – von poppigen mit Gesang bis zu experimentellen Songs ohne Gesang, die wie Interludes narrative Textur geben, aber für ein Interlude aber eigentlich zu lang sind. Die sehr unterschiedlichen Songs erzählen zusammen eine grössere Geschichte und gestalten einen Spannungsbogen, der sich um ein introspektives Zentrum bewegt, mit melodischen Themen, die in verschiedenen, leicht abgeänderten Formen ab und zu wieder auftauchen.
Produktion
Erwähnenswert ist auch die Rolle der Produktion die besonders viel zu tragen hat bei einem Werk, das über so lange Zeit entstanden ist. Mehdi hat die Mehrzahl der Instrumente selbst gespielt und zuhause aufgenommen – und das oft auf Tape bzw. auf Bandmaschine. Die Bandmaschine ist ein wichtiges Werkzeug im Klang, aber auch im Prozess des Albums geworden. Mehdi erzält, dass er einerseits den Klang von Bandmaschinen gerne hat, von der Kompression bis zur Verzerrung, aber auch das Rauschen mag er gerne. Dazu kommt, dass er viele Gitarrenaufnahmen und alle Stimmaufnahmen direkt auf Band aufgenommen hat, weil es ihm hilft, verbindliche Entscheidungen zu treffen – was ihm in den unendlichen Freiheiten der digitalen Aufnahmemöglichkeiten schwerfallen würde.
«Memories of Tomorrow» ist ein Album, das auf eine Art den Werdegang über die letzten 7 Jahre von Mehdi als Musiker repräsentiert. Durch die Linse von Window Sine wird uns 7 Jahre Inspiration, Verarbeitung, unstillbare Neugier, Selbstzweifel, aber auch Verwandlung zu einer klaren, selbstsicheren Haltung in Form eines 53-minütigen, gelungenen Debut-Albums erzählt.
Übrigens, wer Window Sine live sehen will, kann das am 6. November im Stille Ort und am 9. November im Hirscheneck.