Warum wir alle ein bisschen Monster sind
Ein gewöhnlicher Kugelschreiber reicht der US-Künstlerin Emil Ferris, um ganze Welten zu erschaffen. Mit ihrem Graphic Novel «My Favorite Thing Is Monsters» eroberte sie die Kunstwelt quasi über Nacht. Das Cartoonmuseum Basel zeigt unter dem Titel "Between Selves" ihre erste europäische Einzelstellung. Im Radio X-Interview erzählt sie, warum Monster die wahren Helden sind, wie digitale Perfektion uns einschränkt und warum wir dringend wieder lernen müssen, unsere eigenen Fehler zu feiern. von Noemie Keller
26.07.11 Emil Ferris im Cartoonmuseum
Emil Ferris im Interview
Übersetzt aus dem Englischen.
Wir haben gerade schon über Monster gesprochen. Deine Graphic Novel heisst ja nicht umsonst «Am liebsten mag ich Monster» (My Favorite Thing Is Monsters). Warum magst du Monster eigentlich so sehr? Warum sind sie dein absolutes Lieblingsthema?
Emil Ferris: Weil ich glaube, dass sie die Grenzen sprengen, die wir uns selbst setzen. Monster sind ein Symbol dafür, dass wir wandelbare Wesen sind und diese starren Grenzen gar nicht haben. Unsere „Andersartigkeit“ wird oft in Form des Monsters externalisiert, aber wir alle erleben dieses Gefühl. Wir alle kennen das fast lähmende Wissen, dass wir anders und seltsam sind. Und oft sind wir das ja auch für die meisten Leute – aus Gründen, die wir nicht kontrollieren können. Manchmal, weil wir queer sind, weil wir eine Behinderung haben, trans oder neurodivergent sind. Ich liebe das Paradigma des Monsters, weil es eine Gabe ist und kein Makel.
Genau diese Andersartigkeit führt oft dazu, dass jemand als Monster abgestempelt wird, oft nur wegen des Aussehens. Die Annahme ist: Je hässlicher und fremder, desto böser. Wie spielst du in deinen Werken mit diesen Annahmen?
Das tue ich eigentlich gar nicht. Meine Hauptfigur Karen begreift ihr Monster-Dasein vielmehr als absolute Freiheit. Alles, was sie für den Mainstream inakzeptabel machen würde, nimmt sie an. Sie hat einen krummen Rücken, hält ihre Hände auf eine seltsame, fast monströse Art. Sie hat Reisszähne – genau wie ich früher, bevor ein Zahnarzt sie mir genommen hat. Sie ist behaart, was ich auch war und bin. All diese Dinge, die der Mainstream als hässlich betrachten würde, nimmt sie an. Das „Monster-Sein“ ist also eine Unabhängigkeitserklärung von diesem äusseren Druck und den Schönheitsstandards. Standards, die, besonders bei Frauen, erfunden wurden, um sie einzuschränken und klein zu halten. Ein Monster zu sein bedeutet zu sagen: „Ja, ich bin anders, und ich könnte dir den Kopf abreissen.“ Verstehst du?
Das verleiht dem Ganzen eine gewisse Schärfe.
Ja, es besteht Gefahr. Und es gibt auch die Erkenntnis, dass diese transformative Qualität sehr mit der Erde verbunden ist. Sie ist extrem taktil. Alles, was Karen liebt, sind Dinge, die man sehen, riechen oder hören kann. Ein Monster zu sein, ist eine sehr reale, irdische, menschliche Erfahrung.
Das bedeutet also, Dinge so zu erfahren und aufzunehmen, wie sie wirklich sind, anstatt sie nur zu interpretieren und in Boxen zu stecken?
Genau. Wenn ich Bücher lese, liebe ich es, wenn mich jemand an einen Ort bringt, an dem ich noch nie war. Wenn ich die Welt riechen, schmecken, fühlen, hören und sehen kann. Das kann sehr brutal sein. Oder anders. Ich kenne die Temperatur von Kalkutta oder den Geruch von Bosnien nach dem Regen, weil ich Bücher gelesen habe, die mir das fast schon übernatürlich vermittelt haben. Wir brauchen diese tiefen Erfahrungen. Diese digitale Welt, die aktuell für uns geplant wird, kann uns das nicht geben. Es sind die menschlichen Dinge, die uns tiefer und dauerhafter berühren und Poesie in unsere Seelen weben.
Besonders, weil diese digitale Welt gar nicht für unsere menschlichen Bedürfnisse gemacht ist. Vielmehr wird sie von Konzernen so gestaltet, dass sie uns formt. Es gibt ja diese 'Dead Internet Theory', die besagt, dass mittlerweile mehr Bots als Menschen im Netz unterwegs sind. Alles zielt darauf ab, uns alle in die exakt gleiche Form zu pressen. In so einer durchdigitalisierten Welt wird es einfach immer schwieriger, Mensch zu bleiben.
Amen, Schwester! Ich hätte es nicht besser sagen können. Weisst du, eine der prägendsten Erfahrungen für einen Menschen ist dieser Moment, in dem er noch nicht sehen kann, aber den Körper seiner Mutter riecht, weil er ganz nah an sie gehalten wird. Man ist gerade erst auf die Welt gekommen. Man kann riechen. Das ist unsere allererste Erfahrung von der Welt. Und ich habe noch nie – auch wenn jetzt bestimmt eines erfunden wird, nur weil ich das gesagt habe – aber ich habe noch nie ein Videospiel gesehen, das so etwas ermöglicht. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob ich das wollen würde. Ich fände es sehr beängstigend, diese extrem durchlässigen, aber so eng miteinander verknüpften Qualitäten der menschlichen Wahrnehmung zu kontrollieren. Du hast völlig recht: Diese digitalen Räume werden nicht als menschliche Räume geschaffen. Sie werden als kontrollierte Räume gebaut, um Menschen in eine Box zu stecken, und nicht, um sie zu befreien.
Was sollen die Menschen aus deinen Werken mitnehmen, wenn sie die Bilder betrachten?
Als ich vor über zehn Jahren anfing, an den Büchern zu arbeiten, fiel mir auf, wie diese kleinen leuchtenden Smartphone-Bildschirme die Aufmerksamkeit der Menschen komplett verschluckten. Ich sah Leute durch Museen laufen, die sich die Gemälde nur noch durch ihre Kameras ansehen konnten. Für gewisse Leute hört es sich vielleicht nach Unsinn an, aber ich möchte die Idee vermitteln, dass ein Objekt, wenn man direkt davorsteht, zu einem Talisman wird. Der:die Künstler:in stand vor 300, 500 oder 1000 Jahren in seinem Atelier und hat dieses Ding berührt. Er:sie hat es in verschiedenem Licht betrachtet, während er:sie einen Cracker ass. Ein Teil seiner Seele floss in das Werk, weil er vielleicht gerade an ein verstorbenes Kind dachte, während er die Arme einer Frau malte. Das alles steckt in diesem Gemälde. Es ist unsichtbar, aber es ist da! Und wenn man sich mit einem kleinen leuchtenden Bildschirm zwischen sich und diese Erfahrung stellt, verpasst man das. Geh lieber in den Louvre, besuche nur ein einziges Gemälde, beschäftige dich ausführlich damit und tritt in einen Dialog mit der Person, die es erschaffen hat.
Du sprichst oft von den „kleinen Dingen“, die Kunst zusammenhalten. Was sind diese kleinen Details, die du in deine eigenen Werke einbaust?
Mein Vater hat mir früher die Arbeiten von Al Hirschfeld gezeigt, der den Namen seiner Tochter Nina auf sehr kreative Art in all seinen Zeichnungen versteckte. Das mache ich mit meinen Büchern auch. Ich verstecke kleine, geheime Zeichnungen in den grossen Bildern. Manchmal sieht man sie nicht auf den ersten Blick, es gibt sogar einige, die bis heute noch niemand gefunden hat! Ich möchte, dass die Leser ermutigt werden, wieder richtig hinzusehen und zu beobachten. Weil wir genau diese Fähigkeit gerade verlieren – und sie ist doch so zentral für unser Menschsein.
Wenn du zu den Leuten sprechen könntest, die hier in Basel in deine Ausstellung kommen: Was möchtest du ihnen mit auf den Weg geben?
Ich hoffe, sie kommen hierher, um ihre eigene Freiheit und ihren eigenen Weg zu finden. Das Schulsystem zwingt uns oft dazu, uns anzupassen und uns in vorgefertigte Boxen zu zwängen. Wir schneiden Teile von uns selbst ab, um hineinzupassen und oft sind genau das die Teile, die uns die meiste Freude bereitet haben.
Ich hoffe, dass die Menschen nach der Ausstellung das Verlangen haben, selbst zu zeichnen, frei zu sein und ihren eigenen Ausdruck zu respektieren. Und ich hoffe, sie sehen all meine Fehler! Das ist die eine Sache, was uns die KI wirklich raubt: die Würde unserer eigenen Fehler. In meinen Originalzeichnungen gibt es tonnenweise Fehler. Man kann genau sehen, wie ich sie korrigiert habe. Ich möchte, dass die Leute sagen: „Schau, sie hat das auch nicht perfekt gemacht. Ich kann auch etwas Grosses machen, und ich kann einen Haufen Fehler dabei machen, und es ist völlig in Ordnung.“ Es ist sogar wunderbar. Denn unsere Fehler sind wertvoller als jede digitale Perfektion.
Ausstellung: Emil Ferris – «Between Selves»
Wo: Cartoonmuseum Basel (St. Alban-Vorstadt 28, 4052 Basel)
Wann: Ab sofort bis Mitte November 2026
Eintritt & Öffnungszeiten: Alle aktuellen Informationen unter cartoonmuseum.ch