Album der Woche: Mindsuckers von Harvey Rushmore & The Octopus

Harvey Rushmore & The Octopus entwerfen auf ihrem vierten Studioalbum eine emotionale Landkarte der öffentlichen Ohnmacht. Vieles ist gezeichnet von digitaler Paranoia und sozialer Verwahrlosung. Und trotzdem: Der Psych-Rock Sound der vier Freunde schlägt Wellen einer trotzenden Gemeinschaft – back in the garage. von Mirco Kaempf

ADW Harvey Rushmore & The Octopus - Mindsuckers

Das vierte Album der Basel-Bern Psychrock Band ist dunkler als vorherige. Die Mindsuckers lauern.

Man male sich mal diese Landschaft aus: Säurehaltige Flüsse schlagen Kurven wie Narben durch das Gemüt der warmen Haut. Der Mond liegt kalt im Himmel und am Rand der Szenerie warten trippende Hasen auf den Sprung ins Nirvana. Weitläufig – und doch klaustrophobisch. Das Zürcher Label Taxi Gauche, welches am Freitag, den 13. März die neue Rushmore Scheibe veröffentlicht, nennt diese Spannungen auch:  Nostalgie vs Future Dread. 

Als Harvey Rushmore & The Octopus im 2017 ihr erstes Album rausbrachten, war die Welt noch eine andere. Trump griff gerade erst zum Zepter, Federer spielte wieder mal gegen Nadal, Stranger Things war bloss zwei Staffeln alt. Das klingt eigentlich gar nicht mal so anders, und doch lagen massgebende gesellschaftliche Wandlungen wie Pandemie, ChatGPT oder ein russischer Angriffskrieg auf die Ukraine ausserhalb unseres täglichen News Feeds. Man könnte hier jetzt noch viele weitere grässliche Dinge aufzählen, und umso mehr verstehen, wie es zur Geburt der titelgebenden Monster des Albums kam, den “Mindsuckers”. Wie bleibt man da bitte noch bei Verstand?

Massimo Tondini: Mich hat in den letzten zwei Jahren stark beschäftigt, wie ich mit meiner Aufmerksamkeit umgehe. Es gibt so viele düstere Themen, die unsere Aufmerksamkeit beanspruchen wollen. Die Idee war, diesen Kräften ein Gesicht zu geben – eben die „Mindsuckers“, die dir den Geist aussaugen.”

Sind B-Movies heute eine gute Form von Eskapismus? 

Massimo Tondini: “Ja, weil sie schwere Themen mit einer gewissen Ironie oder Leichtigkeit verbinden. Diese Prise Humor tut gut.”

Auch der Rest der Bande – Stefan Cecere (Keys, Projections), Jonathan Meyer (Bass) und Jakob Läser (Drums) ist nach bald zehn Jahren zu so etwas wie einer eigenen Kreatur herangewachsen. Harvey Rushmore & The Octopus, mit ihren motorischen Beats, ausschweifenden (aber nicht ausufernden) Tone-Bender Soli, den atmosphärischen Synths und dem treibenden Bass bespielen seit jeher einen Raum, der sich soundmässig zwar gut und gerne an den Psych & Garage Roots der amerikanischen 1960s bedient, und doch einer ganz eigenen Ästhetik folgt, einer B-Movie Ästhetik, wenn man so möchte.

Glücklicherweise ist Mindsuckers, das neue Album der erfahrenen Psychrockern kein reiner Eskapismus Trip. Obwohl der Entstehungsprozess teilweise digital stattfand, wurde das Album erneut auf Tape aufgenommen – was dem Sound eine warme, leicht verwaschene Psychedelia verleiht. Trotzdem flackert das Licht der Dunkelheit das ganze Album hindurch mit, oder wie es im Song Acid River noch besser ausgedrückt wird, «the shadows start to sing». Thematisch bewegen wir uns also praktisch in einem Albtraum, der natürlich viel zu nah an unsere IRL Existenz andockt, wenn es weiter heisst:

I wanted to be free, never wanted to be me / I need to stick a needle in this marvel dream

Es ist nicht aus der Luft gegriffen, diesen wunderbaren Marvel Dream mit einem digitalen Raum zu vergleichen, welcher so viel Platz von uns beansprucht, und auch in unsere organische Gedankenwelt eindringt, bis uns im schlimmsten Fall der eigene Kopf platzt. So auch passiert im Kultfilm „Scanners“ (1981) von David Cronenberg. Massimo erzählt, wie sie den Film zusammen geschaut haben, was «eine ziemlich surreale Erfahrung» gewesen sei. Schliesslich sei dieser Film auch der Ideengeber für den Song Mindsucker gewesen, mit Samples aus dem Film inklusive. Heute gilt der Film als Body Horror Kultklassiker, dank seiner Auseinandersetzungen mit den Themen Mensch & Maschine oder auch Macht & Männlichkeit.

Stefan CecereIch sehe vieles erst im Nachhinein. Die düsteren Sounds, Sirenen, diese Atmosphäre – und gleichzeitig darf es auch bizarr oder unperfekt sein. Nicht alles muss hochglanzpoliert sein. Das Spielerische ist schön. 

Ist „Mindsuckers“ ein politisches Album?

Massimo Tondini: Ein bisschen, ja. Aber nicht anklagend oder mit erhobenem Zeigefinger.

„Mindsuckers“ ist das vierte Album der Basel-Bern-Bande Harvey Rushmore & The Octopus. Neun Songs legen eine emotionale Landkarte aus Nostalgie und Future Dread frei: motorischer Garage-Rock, psychedelische Klangflächen und die Paranoia einer digital überreizten Gegenwart. Anstatt vor der Dystopie abzuhauen, surfen Harvey Rushmore & The Octopus mitten durch sie hindurch – mit Fuzzpedalen, treibenden Beats und einer Prise B-Movie-Ironie. More exploding heads, please!