Aus einem Museum wird eine Stadt

Die chinesische Künstlerin Cao Fei verwandelt das Kunstmuseum Gegenwart über vier Stockwerke in eine begehbare Metropole. In der neuen Ausstellung «Testimonies to the Near Future» verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion und Gegenwart und Zukunft. von Noemie Keller

26.05.07 Cao Fei

Beitrag zur Ausstellung von Cao Fei im Kunstmuseum Gegenwart.

 

Die Veränderung ist das zentrale Thema in den Installationen und Videoarbeiten von Cao Fei. Sie wuchs in Guangzhou im südchinesischen Perlflussdelta auf, jener Region, die nach der wirtschaftlichen Öffnung am schnellsten industrialisiert wurde und als Wiege unzähliger Fabriken gilt.

In über 20 Video-Installationen thematisiert Cao Fei diesen rasanten Wandel. Sie zeigt auf, wie plötzlich Fortschritt aus dem Boden schiesst, wie Alt neben Neu existiert und wie die digitale Welt mit der echten verschmilzt.

Co-Kuratorin Stephanie Seidel zu Cao Feis Schaffen:

«Cao Fei dokumentiert nicht nur, sie filmt zum Teil an realen Orten, aber es gibt eben auch sehr poetische und fiktionale Momente. Der Mensch steht eigentlich immer im Vordergrund. Sie erzählt Geschichten und zeigt, wie Menschen sich in dieser ständig veränderten Umgebung verhalten, anpassen oder surreale Handlungsstränge entwickeln.»

 

Dieses Anpassen und das Entwickeln von surrealen Handlungssträngen macht Cao Fei besonders im digitalen Raum stark. Schon in den frühen 2000er-Jahren baute sie in der virtuellen Welt von «Second Life» ihre eigene Stadt und agierte dort mit ihrem Avatar «China Tracy». Heute lebt ihr neuster Charakter «Oz»,  ein androgyner Oktopus, im Metaverse.

Zwei völlig unterschiedliche Avatare, die zeigen, wie fliessend Identität in der virtuellen Welt gestaltet werden kann. Für die Kunst liegt hier kein Widerspruch zur Realität, wie Stephanie Seidel betont:

«In unserer Gegenwart ist es immer weniger möglich, scharfe Grenzen zwischen einer digitalen und einer materiellen Welt zu ziehen. Es verschwimmt zunehmend, und dadurch ergeben sich sehr spannende Dynamiken.»

Digitaler Avatar Oz schwebt in der Luft. Seine untere Hälfte sind Oktopus-Tentakel, der Oberkörper ist menschlich.
Oz 01 (from Oz series), 2023 || Courtesy of the artist, Creative Vitamin Space, and Sprüth Magers

Auf der einen Seite prägen Wolkenkratzer, technischer Fortschritt und Konsum das Stadtbild. Auf der anderen Seite stehen Fabriken, die aus dem Boden schiessen, und Menschen, die darin Tag ein, Tag aus schuften.

Diesen Kontrast zwischen der harten Realität und den Träumen jener Menschen, die den Treibstoff für diese Realität bilden, zeigt Cao Fei eindrücklich in ihrer Arbeit «Whose Utopia». In einem Raum, der einer echten Fabrik nachempfunden ist, sieht man Fabrikmitarbeiter:innen, die zwischen Lagerregalen und Laufbändern ihre persönlichen Träume nachstellen.

Eine Frau im weissen Kleid tanzt in einer Lagerhalle
Courtesy of the artist, Creative Vitamin Space, and Sprüth Magers. Commissioned by Siemens Art Program

Um in die Welten von Cao Fei einzutauchen, wurden die Räume im Kunstmuseum Gegenwart komplett umgestaltet. Die Besucher:innen sind eingeladen, die Kunst körperlich zu erfahren.

«Wir sehen hier keine klassischen Museumsräume, in denen wir Bilder oder Fotografien frontal erleben», so Seidel. «Manche Bodenbeläge sind sehr weich, die Wände farbig, man kann sich in ein Bällebad legen und Videos kopfüber an der Decke schauen. Es ist ein sehr spielerischer Ansatz.»

Im Bällebad liegen, barfuss über weiche Böden laufen, im dunklen Kino sitzen oder in der Mitte eines nachgebauten Skateparks stehen und die Geräusche auf sich einprasseln lassen: Die Ausstellung «Testimonies to the Near Future» von Cao Fei ist noch bis im Oktober im Kunstmuseum Gegenwart zu sehen.

Ausstellungsansicht, drei Menschen sind im Bällebad und schauen einen grossen Oktopus an. Die Farben sind Blau, Lila und Pink.
Photo by Samuel Bramley. Courtesy of the artist, Vitamin Creative Space, and Sprüth Magers; Duotopia commissioned by Meta City; Screen Autobiography commissioned by Fondazione Prada

Aus einem Museum wird eine Stadt

Die chinesische Künstlerin Cao Fei verwandelt das Kunstmuseum Gegenwart über vier Stockwerke in eine begehbare Metropole. In der neuen Ausstellung «Testimonies to the Near Future» verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion und Gegenwart und Zukunft. von Noemie Keller

26.05.07 Cao Fei

Beitrag zur Ausstellung von Cao Fei im Kunstmuseum Gegenwart.

 

Die Veränderung ist das zentrale Thema in den Installationen und Videoarbeiten von Cao Fei. Sie wuchs in Guangzhou im südchinesischen Perlflussdelta auf, jener Region, die nach der wirtschaftlichen Öffnung am schnellsten industrialisiert wurde und als Wiege unzähliger Fabriken gilt.

In über 20 Video-Installationen thematisiert Cao Fei diesen rasanten Wandel. Sie zeigt auf, wie plötzlich Fortschritt aus dem Boden schiesst, wie Alt neben Neu existiert und wie die digitale Welt mit der echten verschmilzt.

Co-Kuratorin Stephanie Seidel zu Cao Feis Schaffen:

«Cao Fei dokumentiert nicht nur, sie filmt zum Teil an realen Orten, aber es gibt eben auch sehr poetische und fiktionale Momente. Der Mensch steht eigentlich immer im Vordergrund. Sie erzählt Geschichten und zeigt, wie Menschen sich in dieser ständig veränderten Umgebung verhalten, anpassen oder surreale Handlungsstränge entwickeln.»

 

Dieses Anpassen und das Entwickeln von surrealen Handlungssträngen macht Cao Fei besonders im digitalen Raum stark. Schon in den frühen 2000er-Jahren baute sie in der virtuellen Welt von «Second Life» ihre eigene Stadt und agierte dort mit ihrem Avatar «China Tracy». Heute lebt ihr neuster Charakter «Oz»,  ein androgyner Oktopus, im Metaverse.

Zwei völlig unterschiedliche Avatare, die zeigen, wie fliessend Identität in der virtuellen Welt gestaltet werden kann. Für die Kunst liegt hier kein Widerspruch zur Realität, wie Stephanie Seidel betont:

«In unserer Gegenwart ist es immer weniger möglich, scharfe Grenzen zwischen einer digitalen und einer materiellen Welt zu ziehen. Es verschwimmt zunehmend, und dadurch ergeben sich sehr spannende Dynamiken.»

Digitaler Avatar Oz schwebt in der Luft. Seine untere Hälfte sind Oktopus-Tentakel, der Oberkörper ist menschlich.
Oz 01 (from Oz series), 2023 || Courtesy of the artist, Creative Vitamin Space, and Sprüth Magers

Auf der einen Seite prägen Wolkenkratzer, technischer Fortschritt und Konsum das Stadtbild. Auf der anderen Seite stehen Fabriken, die aus dem Boden schiessen, und Menschen, die darin Tag ein, Tag aus schuften.

Diesen Kontrast zwischen der harten Realität und den Träumen jener Menschen, die den Treibstoff für diese Realität bilden, zeigt Cao Fei eindrücklich in ihrer Arbeit «Whose Utopia». In einem Raum, der einer echten Fabrik nachempfunden ist, sieht man Fabrikmitarbeiter:innen, die zwischen Lagerregalen und Laufbändern ihre persönlichen Träume nachstellen.

Eine Frau im weissen Kleid tanzt in einer Lagerhalle
Courtesy of the artist, Creative Vitamin Space, and Sprüth Magers. Commissioned by Siemens Art Program

Um in die Welten von Cao Fei einzutauchen, wurden die Räume im Kunstmuseum Gegenwart komplett umgestaltet. Die Besucher:innen sind eingeladen, die Kunst körperlich zu erfahren.

«Wir sehen hier keine klassischen Museumsräume, in denen wir Bilder oder Fotografien frontal erleben», so Seidel. «Manche Bodenbeläge sind sehr weich, die Wände farbig, man kann sich in ein Bällebad legen und Videos kopfüber an der Decke schauen. Es ist ein sehr spielerischer Ansatz.»

Im Bällebad liegen, barfuss über weiche Böden laufen, im dunklen Kino sitzen oder in der Mitte eines nachgebauten Skateparks stehen und die Geräusche auf sich einprasseln lassen: Die Ausstellung «Testimonies to the Near Future» von Cao Fei ist noch bis im Oktober im Kunstmuseum Gegenwart zu sehen.

Ausstellungsansicht, drei Menschen sind im Bällebad und schauen einen grossen Oktopus an. Die Farben sind Blau, Lila und Pink.
Photo by Samuel Bramley. Courtesy of the artist, Vitamin Creative Space, and Sprüth Magers; Duotopia commissioned by Meta City; Screen Autobiography commissioned by Fondazione Prada