Album der Woche: Chapter 1 von Sault

Die Band Sault hat vor kurzem ihr 13. Album «Chapter 1» veröffentlicht. In diesem erkunden sie religiöse Themen, behandeln aber auch Konflikte. Der Sound ist ganz in Sault-Tradition nostalgisch und könnte aus dem Motown der 70er Jahre stammen. Zwischen teils konfrontativen Texten weben sie auch ermutigende Botschaften in mantraartiger Wiederholung. So ist ein Album entstanden, das sich ein bisschen zwiegespalten anfühlt, aber auch durch gekonnte minimalistische Grooves wieder vereint wird. von Dion Monti

26.01.19 - SAULT CHAPTER 1 - ADW Podcast

Das neue Album Chapter 1, von Sault

Seit 2019 hat die Band Sault 13 Alben veröffentlicht. Das neueste heisst «Chapter 1 – und darum geht es heute. Wer von der Band Sault spricht, spricht natürlich von Musik – aber was meiner Meinung nach genauso wichtig ist zu beobachten, ist das Phänomen Sault. Als 2019 die beiden Alben «5» und «7» erschienen, wusste niemand, wer hinter diesem Sound steckte. Alle sprachen von einer Art Supergroup, weil die Qualität so hoch war. Der Sound war frisch, aber gleichzeitig ganz klar in Nostalgie verwurzelt – die Musik war eindeutig live aufgenommen, der Produktionssound vintage und von Motown inspiriert, referenzierte aber eigentlich auch 50 Jahre HipHop-Geschichte und die Pioniere des HipHop, die alte Aufnahmen gesamplet und für weitere Generationen gegenwärtig gehalten haben. So ist ein Sound entstanden, der live gespielt wurde und der die Ästhetik des Loopens von Musik aus den 60ern, 70ern und 80ern neu interpretiert. Die berühmtesten Loops wie der Amen Break, der Funky Drummer oder Apache von der Incredible Bongo Band werden also gespielt, als wären sie geloopt worden – und dann so aufgenommen, als wären sie in der Zeit der Original-Samples entstanden. Eine seltsame technologische Zeitreise von Referenz zu Referenz.

Als 2020 in den USA nach der Ermordung von George Floyd durch die Polizei Proteste entstanden, erschien einen Monat später das dritte Album: «Untitled (Black Is)». Das Album behandelte thematisch unter anderem die Unterdrückung schwarzer Menschen, die Einnahmen wurden gespendet, und «Untitled (Black Is)» wurde zusammen mit dem Nachfolger im gleichen Jahr im Zeitgeist zu einem essenziellen Begleiter einer neuen globalen Bewegung. Mit der Zeit kam dann langsam heraus, wer hinter Sault steht – hauptsächlich der Producer Inflo und die Sängerin Cleo Sol, beide aus London.

 

In den darauf folgenden Jahren blieb Sault genauso produktiv und arbeitete weiterhin unkonventionell – ohne Bandfotos, ohne Werbekampagne oder Marketing. Die Alben tauchten einfach ohne Ankündigung auf, manchmal gratis, manchmal sogar drei Alben auf einmal, und immer wieder mit neuen fantastischen Features wie zum Beispiel der Londoner Rap-Ikone Little Simz, die über Jahre mit dem Producer der Band, Inflo, an drei ihrer eigenen Alben gearbeitet hat.

Auf die letzten 12 Alben zurückblickend, ist SAULT wie ein Forschungsprojekt der Geschichte von Black Music. Funk und Soul sind wohl die beiden Genres, die vom ersten bis zum letzten Album am meisten referenziert wurden. Dazwischen tauchten aber auch zum Beispiel das Album «Air» auf, das Choräle und klassische Musik erkundet, oder «Today and Tomorrow» von 2022, das auch frühe Formen von Punk und Rock'n'Roll erkundet. In den letzten drei Jahren entstanden auch religiöse Alben, in denen es explizit um Gott geht. SAULT hat eine wahnsinnige Fähigkeit, fast jedes Thema zugänglich zu machen – sei es, indem sie todernste Songs tanzbar machen, oder indem sie Themen wie Religion mit Leichtigkeit kommunizieren.

«Chapter 1» ist für mich das erste Album von Sault, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob der Band klar ist, was sie mit diesem Album ausdrücken wollte. Ich habe vorhin kurz Little Simz erwähnt – letztes Jahr entstand ein Streit zwischen ihr und Inflo, bei dem es mittlerweile um Millionen von Pfund geht. Dieser Streit ist noch im Prozess und wird vor Gericht geklärt. Es ist schwierig, diesen bitteren Streit zwischen Kindheitsfreunden zu ignorieren, wenn man «Chapter 1» hört. Bei den kritischen Songs ist nicht klar, ob sie kritisch, gemein oder verachtend gemeint sind – und diese Gedanken entzaubern die sonst spirituellen und mantrahaften Texte vom Rest des Albums. Ausserdem fühlt sich das Album für mich formelhaft und minimalistisch an – aber nicht auf eine gute Art. Natürlich ist SAULT immer noch eine geniale Band, ich frage mich nur, ob sie nicht lieber eine kleine Pause hätten machen sollen, anstatt ein Album zu veröffentlichen, das ein bisschen klingt, als wäre es nebenbei im Autopilot entstanden.