Wahlen 2020
Malerische Auseinandersetzungen mit der Gegenwart von Mireille Blanc und Tamara Al-Samerraei
Was bleibt: Aus alltäglichen Motiven entwickeln Mireille Blanc und Tamara Al Samerraei vielschichtige Bilder über Zeit, Erinnerung und Wahrnehmung. Die Ausstellung Sounding the Interior im Kunsthaus Baselland versammelt zwei malerische Positionen, die das Stillleben neu denken. von Mirco Kaempf
26.02.10 Mireille Blanc Tamara Al-Samerraei Kunsthaus Baselland
Die neue Malerei Ausstellung im Kunsthaus Baselland zeigt Werke der Künstlerinnen Mireille Blanc und Tamara Al-Samerraei
„Es geht um den Moment, in dem das Banale plötzlich rätselhaft wird.“
Was sind das für rätselhafte Momente, die uns im Alltag begegnen – unscheinbar, beinahe banal – und doch so viel erzählen, wenn man nur genau hinschaut? Ein Stromkabel neben einer Lilie auf dem Beistelltisch. Ein angeschnittener Geburtstagskuchen. Farbflecken auf einem Sweatshirt. Szenen wie diese sammelt die französische Malerin, übersetzt sie in Malerei und verleiht diesen flüchtigen Augenblicken ein kleines Stück Ewigkeit.
Die rund 40-jährige Pariser Künstlerin Mireille Blanc folgt ihrer Motivsuche intuitiv. Für sie entsteht Bedeutung nie zufällig – es ist immer ein Moment, in dem etwas zusammenkommt und Aufmerksamkeit fordert. Vielleicht geht es um ein Bewusstwerden von Existenz, vielleicht um die Weiterführung einer klassischen malerischen Tradition ins Heute – allerdings auf sehr zeitgenössische Weise.
Wenn Blanc Stillleben malt, dann aus ihrer Perspektive als Frau und Mutter, was den Bildern zusätzliche, persönliche Konnotationen verleiht. Sie trägt die Ölfarbe unverdünnt direkt aus der Tube auf die Leinwand auf und arbeitet schnell, konzentriert und unmittelbar. Die Pinselstriche bleiben sichtbar, fast körperlich präsent – so sinnlich, dass man die Farbe am liebsten berühren möchte.
Dabei versteht Blanc ihre Stillleben ausdrücklich nicht im Sinne der französischen nature morte, der „toten Natur“. Im Gegenteil: Ihre Motive verweisen auf ein Davor und Danach, auf Leben, das außerhalb des Bildes weitergeht. Auch die Betrachtenden gehören dazu, indem sie eigene Geschichten zu den dargestellten Dingen erfinden. Darauf weist auch Ines Goldbach, Direktorin des Kunsthauses Baselland, hin.
The first step for a painter is probably looking. How do you find your subjects?
Mireille Blanc
Yes, exactly. It’s about the way things appear to me, and about how I look at the world. For me it’s always a situation. I’m interested in the enigmatic quality of things — how something familiar or banal can suddenly feel strange or ambiguous. So the subject often imposes itself by chance. I take a photograph of it, and later I paint from the photo.
You capture the moment before it’s gone. These scenes are always changing, yet you paint them at a specific instant. Are these works still lifes?
Yes, they are still lifes, but I try to approach the genre in a contemporary way. They come from my everyday life, so I paint with what surrounds me — objects in the studio, but also things from my personal life. I like when there’s a kind of doubt in the image, when the subject isn’t immediately obvious. That moment of revelation — when the image slowly appears — is very important to me.
Earlier you mentioned that still lifes and flowers often carry feminine connotations. Do you see a political dimension in your work?
That’s a big question. For me, what matters most is how we look at images. Still life as a genre has historically been shaped by a male gaze. I paint from my own position — as a woman, as a mother — and of course that appears in the work. So maybe there’s a feminist aspect. But how political it is isn’t really for me to decide. That’s up to the viewer.
Zeit und Vergänglichkeit spielen auch im Werk der zweiten Künstlerin, Tamara Al Samerraei, eine zentrale Rolle. Die libanesische Malerin aus Beirut widmet sich ebenfalls Motiven aus ihrem unmittelbaren Umfeld. Ihre Auswahl ist jedoch alles andere als beiläufig: Sie entsteht aus dem Bewusstsein, dass sich Lebensumstände ständig verändern können.
So malt sie ihr Atelier immer wieder neu – auf verschiedenen Leinwänden, die sich teils überlagern. Ein Atelier, das sie mehrfach verlassen und wechseln musste, sei es wegen dieselbetriebenen Generatoren, Bauarbeiten oder der allgemeinen politischen Unsicherheit. Wer ihre Bilder betrachtet, spürt: Zeit ist nichts Festes. Sie fliesst, verschiebt sich, verändert Farben und Formen. Erinnerungen und Zukunftsmöglichkeiten werden zu dehnbaren, offenen Momenten.
Die Ausstellung versteht Goldbach als bewusstes Gegenüberstellen zweier Positionen. Sounding the Interior lenkt den Blick auf innere und äussere Räume – und darauf, wie eng Wahrnehmung und Umgebung miteinander verwoben sind.
Zu sehen ist die Doppelausstellung noch bis zum 3. Mai im Kunsthaus Baselland.
Ines Goldbach, was haben Innenräume eigentlich mit der Aussenwelt zu tun?
Ines Goldbach:
Ich glaube, wir bestehen aus beidem. Wir haben eine Innenwelt, aber wir stehen immer auch im Außen. Für Künstler:innen gehört dieses Spannungsfeld ganz selbstverständlich zur Arbeit. Sie arbeiten im Atelier, im geschützten Innenraum – dort können sie konzentriert, präzise, kreativ sein. Das ist etwas sehr Intimes. Und von dort aus gehen sie wieder nach aussen.
Das betrifft aber nicht nur Kunstschaffende. Auch für uns ist es wichtig zu fragen: Wann bin ich bei mir? Wann kann ich reflektieren, Luft holen, Kraft sammeln – um dann wieder ins Unbekannte, ins Unvorhersehbare hinauszugehen?
Stillleben sind ja ein sehr klassisches Genre der Kunstgeschichte. Mireille Blanc sagt, sie male Stillleben, aber auf zeitgenössische Weise. Und Tamara Al Samerraei? Würdest du ihre Arbeiten auch so bezeichnen – und was macht beide Positionen so modern?
Ich bin mir gar nicht sicher, ob wir beim Begriff Stillleben sofort an das Richtige denken. Mireille Blanc hat es schön formuliert: eher ein „stilles Leben“ – ein Moment, der wie eingefroren wirkt. Genau dieses Innehalten interessiert auch Tamara Al Samerraei: etwa ein Blick aus dem Fenster oder eine Ecke im Atelier. Ein ruhiger Augenblick, der im nächsten Moment schon wieder verschwinden kann.
Zeitgenössisch sind ihre Arbeiten aber auch durch die Art, wie sie malen, durch ihre Herangehensweise. Und durch die Themen: Es geht um Schutzräume, um politische Realitäten, um die Frage, wie viel Sicherheit ein Innenraum bietet und wann die schwierige Außenwelt hineinbricht. Gleichzeitig geht es darum, genau hinzusehen und dadurch vielleicht zu neuen Erkenntnissen zu kommen.
Ist es eine melancholische Ausstellung?
Nein, melancholisch würde ich sie nicht nennen. Aber sie ist sehr gegenwärtig. Sie blendet die Realität nicht aus. Eine der Künstlerinnen, Tamara Al Samerraei, konnte zum Beispiel nicht aus Beirut anreisen, weil der Luftraum momentan nicht sicher ist. Solche politischen Bedingungen sind Teil der Wirklichkeit.
Gleichzeitig zeigt die Ausstellung auch Möglichkeiten auf: Innenräume können Orte der Resilienz sein. Orte, an denen man Kraft sammelt, um wieder nach draußen zu gehen. Es geht weniger um Melancholie als um die Frage, wie wir mit diesen Momenten umgehen und wie wir daraus Stärke gewinnen.