Wege aus der Antibiotika-Krise
Eine simple Blasenentzündung, die tödlich endet? Das ist nicht bloss ein düsteres Zukunftsszenario, sondern heute schon Realität. Weltweit fallen antibiotikaresistenten Bakterien bereits über eine Million Menschen jährlich zum Opfer. Wenn nichts unternommen wird, droht der Medizin ein drastischer Rückfall ins frühe 20. Jahrhundert. Eine Zeit, in der selbst ein Kratzer beim Gärtnern lebensgefährlich war. Am Biozentrum in Basel wird mit neuartigen Methoden gegen die Zeit geforscht. von Noemie Keller
26.04.10 Antibiotikaresistenzen
Weltweit sterben jährlich rund 1,3 Millionen Menschen an Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien, das sind mehr Todesfälle als durch HIV und Malaria zusammen. Und die Prognosen sind düster: Bis ins Jahr 2050 könnten sich diese Zahlen auf bis zu 2 Millionen jährliche Todesfälle erhöhen, wenn sich nichts ändert.
Dass immer mehr Bakterien resistent werden, ist an sich ein natürlicher evolutionärer Prozess. Doch der Mensch hat diesen durch einen extremen Übergebrauch von Antibiotika massiv beschleunigt. Was das für unsere alltägliche Gesundheit bedeutet, weiss Prof. Dr. Urs Jenal. Er ist Professor für molekulare Mikrobiologie am Biozentrum in Basel und stellvertretender Direktor des nationalen Forschungsschwerpunkts (NCCR) AntiResist.
Er warnt davor, dass wir ohne neue Wirkstoffe die medizinischen Errungenschaften der letzten 100 Jahre verspielen könnten:
«Wenn man in die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurückgeht, war genau das die Regel. Ein Kratzer hätte zum Tod führen können, wenn man eine Blutvergiftung hatte, weil eine Infektion der Wunde passiert ist. Das passierte nicht täglich, aber war sehr üblich.»
Menschliches Gewebe statt künstliche Petrischalen
Damit alltägliche Verletzungen oder Routineeingriffe nicht wieder zum unkalkulierbaren Risiko werden, braucht es dringend neue Wirkstoffe. Doch seit 30 Jahren ist kein grundlegend neues Antibiotikum mehr auf den Markt gekommen.
Beim nationalen Forschungsschwerpunkt (NCCR) AntiResist wollen die Forschenden das ändern. Das Projekt hat seine «Homebase» zwar am Biozentrum in Basel, vereint aber ein weitreichendes Netzwerk an Partner-Forschenden aus der ganzen Schweiz und internationalen Instituten. Gemeinsam haben sie erkannt, dass Medikamente in der Vergangenheit oft am falschen Modell getestet wurden, nämlich in künstlichen Nährlösungen im Labor.
Der neue Ansatz geht deshalb einen anderen Weg: Aus menschlichen Stammzellen bauen die Forschenden im Labor infiziertes Gewebe nach, beispielsweise von Lungen oder Blasen. So können Infektionen und die Wirkung potenzieller neuer Medikamente viel realitätsnäher, schneller und kostengünstiger untersucht werden.
Ein «Netflix-Abo» für Antibiotika?
Aber selbst wenn im Labor ein neuer Wirkstoff gefunden wird, stossen die Forschenden auf ein weiteres, massives Hindernis: Der Markt für Antibiotika funktioniert nicht.
Für die Pharmaindustrie ist die Entwicklung extrem teuer. Gleichzeitig sollen neue Antibiotika als Reserve dienen und möglichst selten eingesetzt werden, damit sich nicht sofort wieder Resistenzen bilden. Für die Unternehmen bedeutet das: Sie investieren Millionen, können die Kosten durch geringe Verkaufszahlen aber nicht wieder einspielen.
Es brauche daher ein komplettes finanzielles Umdenken, erklärt Urs Jenal. Eine mögliche Lösung sei eine Art «Abo-Modell» für Gesundheitssysteme:
«Gesundheitssysteme könnten sich quasi ein Abo kaufen und sichern sich dadurch eine Pipeline von Antibiotika für die Zukunft. Auch wenn das Antibiotikum in den nächsten zehn Jahren nicht gebraucht wird, haben die entwickelnden Firmen einen Return on Investment.»
Keine Mittelchen für jede kleine Erkältung
Neben neuen Forschungsmodellen und einem finanziellen Umdenken ist aber auch die Gesellschaft gefragt. Antibiotika sind keine Smarties für jede kleine, womöglich virale Erkältung, sondern sie gehören zu unseren wertvollsten medizinischen Errungenschaften.
Bis neue Lösungen gefunden sind und es aus dem Labor auf den Markt geschafft haben, müssen wir zu den noch wirksamen Antibiotika extrem Sorge tragen. Nur so bleibt eine Blasenentzündung oder ein Kratzer beim Gärtnern auch in Zukunft das, was es heute ist: lästig, aber harmlos.