Mehrsprachigkeit & Informationsfluss in Zeiten der Krise

Der Bund informiert und die Medien kommunizieren. Doch wie effektiv ist der Informationsfluss eigentlich bei jenen Menschen, die keiner der Landessprachen mächtig sind? von Mirco Kaempf

20.03.29. Corona Mehrsprachigkeit

In Zeiten der Coronakrise ist eine klare Kommunikation seitens des Bundes notwendig. Doch was heisst das für Menschen, die keine der Landessprachen mächtig sind? Vom Informationsfluss über die Migrationsmedien in die Quartiere.

In Zeiten der ausserordentlichen Lage  ist eine klare Kommunikation vom Bund zu hier lebenden Menschen grundlegend wichtig. Via admin.ch kann sich jeder informieren. in Deutsch, Französisch Italienisch, Rätoromanisch und Englisch. Jedoch gibt es in der Schweiz eine nicht unbedeutende Zahl an Menschen, deren Muttersprache keine der offiziellen Landessprachen ist. Laut dem Bundesamt für Statistik, sei dieser Anteil gar so gross wie nie (siehe Grafik unten). Der Bund sei sich dessen bewusst. Auf Anfrage von Radio X weist das Bundesamt für Gesundheit auf die universell verständlichen Plakatenkampagne hin:

Wohnbevölkerung nach Hauptsprachen

"Uns ist selbstverständlich klar, dass es nicht reicht, wenn wir einfach bei uns auf der Kampagnenseite Faktenblätter aufschalten. Wir sind deshalb aktiv auf Migrationsmedien und Migrationsorganisationen zugegangen und haben ihnen die Faktenblätter zur Verfügung gestellt."

Hände waschen mit Seife, Husten in den Ellenbogen. Zu diesen Bildern hat die Kampagnenarbeit auch Factsheets in mehreren Sprachen erarbeitet, die via bag-coronavirus.ch heruntergeladen werden können. 12 Übersetzungen, von Albanisch bis Tigrinisch gibt es bereits, weitere Sprachen wie Russisch, Georgisch, Dari oder Pastu sollen folgen. Auch Radio X strahlt die Weisungen des Bundes in aktuell 10 verschiedenen Sprachen aus.

Für Hoda El Sherif vom Radio X Sprachenspecial Arab X liegt das Problem aktuell nicht an zu wenig Informationen, sondern an zu Vielen. Aktuell, wo die Menschen zurückgezogen in ihren Wohnungen verweilen, wird der digitale Raum immer dichter, die Informationen diffuser. Offizielle Statements werden von dritten uminterpretiert und fake News würden sich vermehren. Dieses Problem ist zwar altbekannt, doch die aktuell besondere Lage würde dies wieder akzentuieren.

"Eigeninitiativ und mit unserer Unterstützung verbreitet beispielweise Diaspora TV Switzerland die Hygiene- und Verhaltensregeln in mindestens 11 Sprachen. Diaspora TV Switzerland ist ein Onlinekanal, der sehr viele Menschen mit Migrationshintergrund erreicht."

Als quasi Online Fernsehsender sendet Diaspora TV Switzerland normalerweise monatliche Updates – dieses Konzept sei aufgrund Corona kurzum auf den Kopf gestellt. Aktuell senden sie wöchentliche Updates, sagt Projäktmanagerin Camelia Capararu. Die Produzent*Innen seien so gefordert wie noch nie, mit einer Arbeitswoche von bis zu 15std pro Tag. Doch die Arbeit zahlt sich aus; mit einer Reichweite von bis zu 1Millionen Menschen unterstreicht diese Zahl die Wichtigkeit ihrer Arbeit. Die Weisungen des Bundes haben sie aktuell in 19 Sprachen übersetzt.

"Die Hilfe und die Solidarität ist enorm"

Doch reicht dies aus, um die Informationen auch hinein in die Quartiere zu bringen? Im Erlenmatt und Rosentalquartier seien alltägliche Sprachbarrieren schon vor der Coronakrise ein grosses Thema gewesen, auch beim Quartiertreffpunkt Gleis 58. Anlässlich der Bajor Gärngscheh Initiative habe man hier als erstes mit Verteilen von Flyern begonnen. Inspiriert von dieser Facebookgruppe hat man allerdings schon bald eine kleinere, Quartiereigene Gruppe gegründet. Die Wege seien kürzer, man kenne sich besser und könnte schneller handeln, sagt Gruppenadmin und Vorstand vom Gleis 58 Rosental, Claudine Wolf. Es gehe momentan darum, das quartiereigene Netzwerk zu vergrössern um möglichst viele Anwohner zu erreichen - auch solche, die sich nicht im digitalen/Facebookraum aufhalten. So soll bspw ein Plaudertelefon für Kinder eingerichtet werden um so auch den Kontakt zu deren Eltern zu erreichen. Bei allem sozialem Engagement ist es Claudine Wolf aber auch ein anliegen zu sagen: Gebt auch Sorge zu euch selber - und versucht die Entschleunigung zusammen mit der Familie zu geniessen".