Woche gegen Rassismus 2019

Malerische Auseinandersetzungen mit der Gegenwart von Mireille Blanc und Tamara Al-Samerraei

Was bleibt: Aus alltäglichen Motiven entwickeln Mireille Blanc und Tamara Al Samerraei vielschichtige Bilder über Zeit, Erinnerung und Wahrnehmung. Die Ausstellung Sounding the Interior im Kunsthaus Baselland versammelt zwei malerische Positionen, die das Stillleben neu denken. von Mirco Kaempf

26.02.10 Mireille Blanc Tamara Al-Samerraei Kunsthaus Baselland

Die neue Malerei Ausstellung im Kunsthaus Baselland zeigt Werke der Künstlerinnen Mireille Blanc und Tamara Al-Samerraei

„Es geht um den Moment, in dem das Banale plötzlich rätselhaft wird.“

Was sind das für rätselhafte Momente, die uns im Alltag begegnen – unscheinbar, beinahe banal – und doch so viel erzählen, wenn man nur genau hinschaut? Ein Stromkabel neben einer Lilie auf dem Beistelltisch. Ein angeschnittener Geburtstagskuchen. Farbflecken auf einem Sweatshirt. Szenen wie diese sammelt die französische Malerin, übersetzt sie in Malerei und verleiht diesen flüchtigen Augenblicken ein kleines Stück Ewigkeit.

Die rund 40-jährige Pariser Künstlerin Mireille Blanc folgt ihrer Motivsuche intuitiv. Für sie entsteht Bedeutung nie zufällig – es ist immer ein Moment, in dem etwas zusammenkommt und Aufmerksamkeit fordert. Vielleicht geht es um ein Bewusstwerden von Existenz, vielleicht um die Weiterführung einer klassischen malerischen Tradition ins Heute – allerdings auf sehr zeitgenössische Weise.

Wenn Blanc Stillleben malt, dann aus ihrer Perspektive als Frau und Mutter, was den Bildern zusätzliche, persönliche Konnotationen verleiht. Sie trägt die Ölfarbe unverdünnt direkt aus der Tube auf die Leinwand auf und arbeitet schnell, konzentriert und unmittelbar. Die Pinselstriche bleiben sichtbar, fast körperlich präsent – so sinnlich, dass man die Farbe am liebsten berühren möchte.

Dabei versteht Blanc ihre Stillleben ausdrücklich nicht im Sinne der französischen nature morte, der „toten Natur“. Im Gegenteil: Ihre Motive verweisen auf ein Davor und Danach, auf Leben, das außerhalb des Bildes weitergeht. Auch die Betrachtenden gehören dazu, indem sie eigene Geschichten zu den dargestellten Dingen erfinden. Darauf weist auch Ines Goldbach, Direktorin des Kunsthauses Baselland, hin.

portrait einer frau, sitzend vor ihrer leinwand
Mireille Blanc

The first step for a painter is probably looking. How do you find your subjects?

Mireille Blanc
Yes, exactly. It’s about the way things appear to me, and about how I look at the world. For me it’s always a situation. I’m interested in the enigmatic quality of things — how something familiar or banal can suddenly feel strange or ambiguous. So the subject often imposes itself by chance. I take a photograph of it, and later I paint from the photo.

You capture the moment before it’s gone. These scenes are always changing, yet you paint them at a specific instant. Are these works still lifes?

Yes, they are still lifes, but I try to approach the genre in a contemporary way. They come from my everyday life, so I paint with what surrounds me — objects in the studio, but also things from my personal life. I like when there’s a kind of doubt in the image, when the subject isn’t immediately obvious. That moment of revelation — when the image slowly appears — is very important to me.

Earlier you mentioned that still lifes and flowers often carry feminine connotations. Do you see a political dimension in your work?

That’s a big question. For me, what matters most is how we look at images. Still life as a genre has historically been shaped by a male gaze. I paint from my own position — as a woman, as a mother — and of course that appears in the work. So maybe there’s a feminist aspect. But how political it is isn’t really for me to decide. That’s up to the viewer.

ausstellungsansicht von bildern in räumen
Tamara Al-Samerraei, Studio 1, 2023; Studio 3, 2023. Mireille Blanc, Astérisme, 2018. Courtesy of the artist and THE PILL ®. Mireille Blanc, Mountain, 2022. Courtesy of the artist and Galerie Anne-Sarah Bénichou. Ausstellungsansicht / Kunsthaus Baselland 2025. © 2025, ProLitteris, Zurich. Foto: Finn Curry / Kunsthaus Baselland

Zeit und Vergänglichkeit spielen auch im Werk der zweiten Künstlerin, Tamara Al Samerraei, eine zentrale Rolle. Die libanesische Malerin aus Beirut widmet sich ebenfalls Motiven aus ihrem unmittelbaren Umfeld. Ihre Auswahl ist jedoch alles andere als beiläufig: Sie entsteht aus dem Bewusstsein, dass sich Lebensumstände ständig verändern können.

So malt sie ihr Atelier immer wieder neu – auf verschiedenen Leinwänden, die sich teils überlagern. Ein Atelier, das sie mehrfach verlassen und wechseln musste, sei es wegen dieselbetriebenen Generatoren, Bauarbeiten oder der allgemeinen politischen Unsicherheit. Wer ihre Bilder betrachtet, spürt: Zeit ist nichts Festes. Sie fliesst, verschiebt sich, verändert Farben und Formen. Erinnerungen und Zukunftsmöglichkeiten werden zu dehnbaren, offenen Momenten.

Die Ausstellung versteht Goldbach als bewusstes Gegenüberstellen zweier Positionen. Sounding the Interior lenkt den Blick auf innere und äussere Räume – und darauf, wie eng Wahrnehmung und Umgebung miteinander verwoben sind.

Zu sehen ist die Doppelausstellung noch bis zum 3. Mai im Kunsthaus Baselland.

ein gemälde eines ateliers
Tamara Al-Samerraei, studio titon 2025

Ines Goldbach, was haben Innenräume eigentlich mit der Aussenwelt zu tun?

Ines Goldbach:

Ich glaube, wir bestehen aus beidem. Wir haben eine Innenwelt, aber wir stehen immer auch im Außen. Für Künstler:innen gehört dieses Spannungsfeld ganz selbstverständlich zur Arbeit. Sie arbeiten im Atelier, im geschützten Innenraum – dort können sie konzentriert, präzise, kreativ sein. Das ist etwas sehr Intimes. Und von dort aus gehen sie wieder nach aussen.

Das betrifft aber nicht nur Kunstschaffende. Auch für uns ist es wichtig zu fragen: Wann bin ich bei mir? Wann kann ich reflektieren, Luft holen, Kraft sammeln – um dann wieder ins Unbekannte, ins Unvorhersehbare hinauszugehen?

Stillleben sind ja ein sehr klassisches Genre der Kunstgeschichte. Mireille Blanc sagt, sie male Stillleben, aber auf zeitgenössische Weise. Und Tamara Al Samerraei? Würdest du ihre Arbeiten auch so bezeichnen – und was macht beide Positionen so modern?

Ich bin mir gar nicht sicher, ob wir beim Begriff Stillleben sofort an das Richtige denken. Mireille Blanc hat es schön formuliert: eher ein „stilles Leben“ – ein Moment, der wie eingefroren wirkt. Genau dieses Innehalten interessiert auch Tamara Al Samerraei: etwa ein Blick aus dem Fenster oder eine Ecke im Atelier. Ein ruhiger Augenblick, der im nächsten Moment schon wieder verschwinden kann.

Zeitgenössisch sind ihre Arbeiten aber auch durch die Art, wie sie malen, durch ihre Herangehensweise. Und durch die Themen: Es geht um Schutzräume, um politische Realitäten, um die Frage, wie viel Sicherheit ein Innenraum bietet und wann die schwierige Außenwelt hineinbricht. Gleichzeitig geht es darum, genau hinzusehen und dadurch vielleicht zu neuen Erkenntnissen zu kommen.

Ist es eine melancholische Ausstellung?

Nein, melancholisch würde ich sie nicht nennen. Aber sie ist sehr gegenwärtig. Sie blendet die Realität nicht aus. Eine der Künstlerinnen, Tamara Al Samerraei, konnte zum Beispiel nicht aus Beirut anreisen, weil der Luftraum momentan nicht sicher ist. Solche politischen Bedingungen sind Teil der Wirklichkeit.

Gleichzeitig zeigt die Ausstellung auch Möglichkeiten auf: Innenräume können Orte der Resilienz sein. Orte, an denen man Kraft sammelt, um wieder nach draußen zu gehen. Es geht weniger um Melancholie als um die Frage, wie wir mit diesen Momenten umgehen und wie wir daraus Stärke gewinnen.

portrait einer künstlerin im atelier
Tamara Al-Samerraei

Die Woche

Lesungen, Theater, Diskussion, Musik, Ausstellungen und vieles mehr: Die Woche gegen Rassismus 2019 in Basel bietet ein vielfältiges Programm, sie findet statt von: Montag, 18. März bis Sonntag, 24. März 2019

Radio X setzt in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Organisationen und Beteiligten ein Zeichen gegen Rassismus und andere Formen von Diskriminierung. Ziel ist es, die lokale Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren und gemeinsam in einen Dialog zu treten.

Während der ganzen Woche strahlt Radio X jeweils um 11:30 Uhr und um 16:30 Uhr thematische Beiträge aus.

Flyer Woche gegen Rassismus in Basel 2019

Medienmitteilung Woche gegen Rassismus 18.-24.3.19 mit Programm

 

 
Das Programm


Montag, 18. März 2019

Forumtheater "Sans Frontières" - Ein interaktiver Theaterabend zum Thema Diskriminierung und Rassismus. 

19.30 Uhr, KLARA (Clarastrasse 13)

Eintritt frei. 

 

Dienstag, 19. März 2019

Uni von unten: «Alltäglicher Ausnahmezustand: Racial Profiling in der Schweiz» mit Mohamed Wa Baile, Sarah Schilliger und Claudia Wilopo

19 Uhr, Internetcafé Planet 13 (Klybeckstrasse 60, 4057 Basel)

Eintritt frei.

 

Mittwoch, 20. März 2019

Liveübertragung Radio X, mit Interviews live vor Ort: Abendschule Import, Bla*ShTheater Niemandsland, Kulinarisches von Schnaboule Schnaboule und Musik zum Thema «Migration und Musik» mit Leila Moon.

17-22 Uhr, Keck Kiosk (Kaserne)

 

Ausstellung*: Bundes(asyl)lager- Zunehmende Isolierung und Kontrolle im Migrationsregime Schweiz

ab 19 Uhr in der Carambolage (Erlenstrasse 34, 4058 Basel)

 

 

Donnerstag, 21. März 2019

Podiumsdiskussion «Racial Profiling» mit szenischen Sequenzen des Theaters Niemandsland.

Auf dem Podium: Michel Hostettler (Community Policing Kleinbasel), Tobias Burkhard (Ausbildungsleiter KaPo BS), Nahom Mehret (Schweizer, geb. in Eritrea), Yvonne Apiyo Brändle-Amolo (SP Politikerin Zürich, Künstlerin).

Moderation: Bernard Senn, SRF

Mit dabei: BastA!, STOPP Rassismus u.a.

19 Uhr, Offene Kirche Elisabethen

Eintritt frei. 

 

Ausstellung*: Bundes(asyl)lager- Zunehmende Isolierung und Kontrolle im Migrationsregime Schweiz

ab 19 Uhr in der Carambolage (Erlenstrasse 34, 4058 Basel)

 

 

Freitag, 22. März 2019

Bla*Sh, Legion Seven, Brandy Butler (CH)

Mehrstimmige Lesung, Performance, Konzert, Büchertisch

19 Uhr (Doors: 18.30 Uhr), Rossstall II, Kaserne Basel

Eintritt frei.

 

Ausstellung*: Bundes(asyl)lager- Zunehmende Isolierung und Kontrolle im Migrationsregime Schweiz

ab 19 Uhr in der Carambolage (Erlenstrasse 34, 4058 Basel)

 

 

Samstag, 23. März 2019

Afrika-Stadtrundgang des Zentrums für Afrikastudien

The tour will take place in English and is free of charge. Reservations are requested but not required. 

14 Uhr, meeting point: at the pyramides in front of the Offene Kirche Elisabethen

 

Offener Hörsaal: Interaktiver Parcours**, über Hürden und Weichen auf dem schweizerischen Bildungsweg

16.00-18.30 Uhr, Foyer Junges Theater Basel

Eintritt frei. 

 

Ausstellung*: Bundes(asyl)lager- Zunehmende Isolierung und Kontrolle im Migrationsregime Schweiz

ab 19 Uhr 

Input: Wie die Schweiz Migrant*innen 2019 isoliert und verwaltet.

20 Uhr in der Carambolage (Erlenstrasse 34, 4058 Basel)

 

 

 

Sonntag, 24. März 2019

Afrika-Stadtrundgang des Zentrums für Afrikastudien auf Deutsch

14 Uhr, Treffpunkt: Pyramiden-Platz (Elisabethenstrasse)

Reservierung erbeten, aber nicht zwingend erforderlich.

Eintritt frei.

 

 

Die Ausstellung beschäftigt sich mit der Neustrukturierung des Asylverfahrens und der Einführung der Bundeslager in der Schweiz. Mit der sogenannten Beschleunigung der Verfahren sollen Menschen effizienter verwaltet und ausgeschafft werden. Dafür nimmt das Staatssekretariat für Migration (SEM) Bundeslager in Betrieb, welche nicht nur die Unterbringung, sondern auch das gesamte Verfahren unter einem Dach zentralisieren und vereinheitlichen. Diese Praxis isoliert die betroffenen Menschen noch stärker vom Rest der Gesellschaft und lässt noch weniger Raum zur Selbstbestimmung. Um die Lagerpolitik umzusetzen, baut der Staat auf die Mitarbeit von Privatfirmen und NGOs.

 

** Bildungsparcours: Sprichst Du ausreichend Deutsch, um in der Schule mitzukommen? Wirst Du bei/auf deinem Bildungsweg unterstützt? Entsprichst Du den Bewertungskriterien des Schulsystems? Reicht das Geld für eine Ausbildung? Bringst Du die geforderten/nötigen Dokumente mit, um eine Ausbildung zu beginnen? Haben alle Menschen in der Schweiz dieselben Chancen auf Bildung? In einem interaktiven Parcours erfährst Du, welche Weichen gestellt werden und welche Hürden es zu überwinden gibt auf dem schweizerischen Bildungsweg. Ähnlich einem Leiter-Spiel, wirst Du, ausgestattet mit einer neuen Identität, unterschiedliche Aufgaben lösen, um Stufe für Stufe deinem Ziel näherzukommen.

 
Ausstrahlungstermine

 

Montag 18.3. - Sonntag, 24.3.19, täglich um 11.30 h (Wdh. 16.30 h)

Redaktionelle Beiträge auf Radio X zu diversen Themen in der Woche gegen Rassismus

u.a. mit FIASKO und STOPP Rassismus

 

Donnerstag 21.3., 18 h  & Samstag 23.3.19, 13 h

Sendung X-Plus von Schüler/innen der FMS Münchenstein

 

Samstag 23.3., 16 h & Sonntag 24.3.19, 10 h

Ausstrahlung der Podiumsdiskussion zu "Racial Profiling" vom Donnerstag 21.3.19 in der Offenen Kirche Elisabethen

Kontakt

tatiana.vieira@radiox.ch

rebecca.haeusel@radiox.ch

Social Media

facebook.com

Die Woche gegen Rassismus wird unterstützt durch:

Woche gegen Rassismus 2019