Album der Woche: Nathalie Froehlich - Et la Fin sera Belle

Im langersehnten Debütalbum von Nathalie Froehlich „Et la Fin sera Belle“ („Und das Ende wird schön sein“) dreht sich alles um Freiheit: Konventionen infrage zu stellen und durch Musik und Bilder die rohe Wahrheit der menschlichen Existenz zu erfassen und zu fühlen. Sie bewegt sich in einer Welt, in der die Apokalypse beinahe zur Fantasie wird. Wir haben Nathalie Froehlich zum Gespräch eingeladen. von Danielle Bürgin

26.03.23 ADW Nathalie Froehlich

Et la fin serra belle: Auf dem Debütalbum von Nathalie Froehlich geht es auch um Utopien.

​​​​​​​Nathalie Froehlich: “Even if everything is falling apart, we’ll keep creating”

Die Schweizer Künstlerin Nathalie Froehlich nimmt kein Blatt vor den Mund. Mit einer Mischung aus Techno, Rap und Baile Funk schafft sie einen Sound, den sie selbst als „happy, angry music“ beschreibt – energiegeladen und gleichzeitig politisch aufgeladen. Bei ihrem Besuch bei Radio X in Basel sprach die in Lausanne lebende Musikerin über ihr neues Album, künstlerische Freiheit, den Druck sozialer Medien und warum es heute wichtiger denn je ist, sich zu äussern.

Eine Stimme aus dem Underground

Bevor Nathalie Froehlich ein grösseres Publikum erreichte, war sie tief in der Underground-Rave-Szene verwurzelt – ein Einfluss, der ihre Arbeit bis heute prägt.
„Für mich ist es unmöglich, Musik ohne eine Botschaft zu machen“, sagt sie. „Ich komme aus der Rave- und Underground-Szene, wo Ausdruck und Freiheit zentral sind.“

Doch dieser Anspruch lässt sich nicht immer leicht in den Mainstream übertragen. „Wenn man international wachsen will, wird es schwierig, wirklich alles zu sagen, was man denkt“, erklärt sie. „Die Welt wirkt im Moment sehr gespalten – fast wie zwei gegnerische Lager. Das ist schon beängstigend.“ Trotzdem sieht sie auch Hoffnung: „Viele Menschen wollen über Ungerechtigkeit und Diskriminierung sprechen. Ich bin damit nicht allein – und das ist wichtig.“

„Happy, angry music“ in einer zerfallenden Welt

Ihr Debütalbum Et la fin serra belle fängt genau diese Spannung ein. Es ist Musik, die zum Tanzen bringt – und gleichzeitig zum Nachdenken. „Die Welt fällt auseinander, ganz klar“, sagt Froehlich. „Aber es wird immer Menschen geben, die versuchen, etwas Gutes zu schaffen – Gemeinschaften aufzubauen und für ihre Rechte zu kämpfen.“

Diese Haltung stammt direkt aus ihrer Zeit in der Rave-Kultur. „Ich habe so viele Menschen getroffen, die kaum etwas hatten und trotzdem versucht haben, etwas Schönes entstehen zu lassen. Selbst wenn alles zerbricht, werden wir weiter reden, weiter Momente geniessen – und weiter feiern.“

Keine Grenzen zwischen Genres

Froehlich gehört zu einer Generation von Künstler:innen, die sich nicht mehr an Genregrenzen halten. Was früher strikt getrennt war – etwa Techno und Hip-Hop – verschmilzt heute ganz selbstverständlich. „Heute wird alles gemischt“, sagt sie. „Rap mit Reggaeton, Dembow, Techno oder sogar klassischer Musik – alles ist möglich.“

Dabei geht es ihr weniger um Neuerfindung als um Weiterentwicklung: „Wir erfinden nichts komplett Neues, wir remixen bestehende Codes. In den 90ern gab es schon MC-Kultur in elektronischer Musik. Wir greifen das wieder auf und machen etwas Neues daraus.“ Ihr eigener Stil entstand eher zufällig: „Ich habe Raves organisiert, meine Freund:innen haben aufgelegt – und ich habe einfach über alles gerappt: Disco, Techno, experimentelle Sounds. So hat sich das entwickelt.“

Leben im „Metaverse“

Mit ihrer Single Métavers greift Froehlich ein Thema auf, das viele Künstler:innen betrifft: den Druck sozialer Medien. „Heute muss man ständig online sein – vor allem als Künstler:in“, sagt sie. „Man muss permanent Content produzieren. Das kann sich völlig verrückt anfühlen.“ Die Widersprüchlichkeit ist ihr bewusst: „Alle kritisieren Social Media, aber wir sind trotzdem darauf angewiesen. Genau darum geht es in dem Song.“

Zwischen Wüste und digitaler Welt

Diese Spannung zwischen realer und digitaler Welt zeigt sich auch im Musikvideo zu Metaverse. Gedreht in der marokkanischen Wüste, erinnert es an eine dystopische Mad-Max-Ästhetik. „Wir wollten einen Ort im Nirgendwo – mit Pferden, Pick-ups und einer Party mitten in der Wüste“, erzählt sie. „Gleichzeitig gibt es überall Kameras, als Verbindung zum Metaverse-Thema.“ Die Produktion war aufwendig und nicht ohne Probleme. „Es war extrem anstrengend – viele Schwierigkeiten, steigende Kosten. Aber ich bin sehr stolz auf das Ergebnis. Es war ein Traumprojekt.“

Kritik, Hass und Realität

Als politisch positionierte Künstlerin ist Froehlich immer wieder mit Kritik konfrontiert – oft weit über sachliche Kritik hinaus. „Ich habe alles erlebt – Morddrohungen, Vergewaltigungsdrohungen, Kommentare über meinen Körper oder mein Aussehen“, sagt sie. Sie sieht darin auch ein strukturelles Problem: „Als Frau, besonders mit politischen Inhalten, wird einfach alles bewertet – nicht nur deine Kunst, sondern auch dein Aussehen.“

Besonders frustrierend: Der Umgang damit ist schwierig. „Ich habe weder die Zeit noch das Geld, rechtlich dagegen vorzugehen. Und wenn ich Namen nenne, könnte ich selbst Probleme bekommen.“ Trotzdem versucht sie, sich davon nicht bestimmen zu lassen: „Ich spreche darüber in Interviews und mit Freund:innen. Aber im Alltag versuche ich, dem nicht zu viel Raum zu geben.“

Persönliches wird politisch

Viele Songs des Albums greifen persönliche und gesellschaftliche Themen auf. La foule beschreibt das Gefühl, allein in einer Masse zu stehen: „Wenn alle in eine Richtung gehen und du nicht verstehst warum – dann fühlst du dich komplett isoliert.“

Fantasy thematisiert sexuelle Belästigung und toxische Beziehungen. „Fast jede Frau hat so etwas erlebt. Wir sprechen darüber, aber es ändert sich zu wenig. Deshalb ist es wichtig, das Thema sichtbar zu machen.“

Selbst energiegeladene Tracks wie My House sind mehr als nur Party-Songs – sie sind auch eine direkte Antwort auf Kritik und Anfeindungen, besonders in der Live-Performance.

Ein leiser Abschluss

Das Album endet überraschend ruhig – mit dem fast balladenartigen Song La fin du monde. „Man kann ihn als Liebeslied verstehen“, sagt Froehlich, „aber auch als Metapher für Abhängigkeit.“ Es geht um das Gefühl, zu wissen, dass einem etwas nicht guttut – und trotzdem nicht loslassen zu können. „Es ist eigentlich mein erstes richtiges Liebeslied“, sagt sie. „Live spielen wir es nur mit Klavier und Stimme. Das ist ein sehr emotionaler Moment zum Abschluss.“

Weitermachen – trotz allem

Trotz aller Herausforderungen der heutigen Zeit bleibt Nathalie Froehlich optimistisch. La fin serra belle – oder: „Selbst wenn alles auseinanderfällt, machen wir weiter. Wir sprechen weiter, wir erschaffen weiter – und wir kommen zusammen.“

Und vielleicht ist genau das heute wichtiger denn je.

Das Gespräch mit Nathalie Froehlich hat Danielle Bürgin im Radio X Studio aufgezeichnet.