Neues von Augenwasser Band, Mykki Blanco, Charanjit Singh, Sir Richard Bishop und Marina Herlop
Die Radio X Musikredaktion stellt dir wöchentlich ihre schönsten Neuentdeckungen genauer vor. Die Rubrik “Früsch” gibt es live jeden Donnerstag um 14 Uhr und in der Wiederholung am Sonntag um 16 Uhr. von Mirco Kaempf
Besonders gern trifft sich die Bieler Popszene an sogenannten dritten Orten: Cafés, Bars, Konzertlokalen oder – im Fall des neuen Albums – im «Aquarium». Gemeint sind öffentliche Räume, die zwar mitten im Alltag liegen, aber dennoch eine gewisse Distanz zur Aussenwelt schaffen.
Seit über zehn Jahren veröffentlicht Elias Raschle aus Biel unter dem Namen Augenwasser Musik. Aus dem DIY-Drone-Pop-Projekt ist inzwischen eine vollständige Band entstanden. Ihre Songs richten sich an jene dritten Orte: nicht an den Mainstream, sondern an ein Publikum, das musikalische Eigenwilligkeit schätzt.
Das neue Album Songs from the Aquarium wurde im vergangenen Jahr innerhalb von nur zwei Tagen aufgenommen, kurz nach den ersten Konzerten mit dem neuen Set. Diese unmittelbare Aufnahmesituation verleiht den Songs eine besondere Frische und Unmittelbarkeit. Augenwasser klingt nonchalant, ungekünstelt und bewusst lieber ehrlich statt poliert. Die Band beschreibt ihren Stil selbst als «faux-sophisti-pop».
Die erste Single Northern Soul greift diesen Gedanken auf. Der Titel verweist weniger auf das Musikgenre als auf ein Gefühl: Sehnsucht, Jugend, Nostalgie und die Frage, was von der Heimat bleibt, wenn man sie verlässt. Ist es ein Coming-of-Age-Stück, ein Wiederankommen oder doch eher ein Lied über Abschied? Augenwasser liefert mit Northern Soul rakontrierenden Popsike.
Die Single ist am Donnerstag dieser Woche via dem Bieler Label Chrüsimüsi erschienen. Das Album Songs from the Aquarium folgt am 28. August.
Von den dritten Orten führt der Weg direkt in den Berliner Untergrund – im wahrsten Sinn des Wortes. Für die neue Single Butt Sex liess sich der amerikanische Musiker und ehemalige HGK-Student Mykki Blanco in einem Musikvideo in Berliner U-Bahn-Stationen filmen. Gedreht an einem Sonntagmorgen, fernab von Sonnenlicht und den üblichen Verpflichtungen des Alltags.
Der Song selbst handelt jedoch nicht primär von Sex, sondern von frivoler Unberechenbarkeit. Mykki Blanco beschreibt den Track als eine Art Spionagethriller, der Verlangen als Abenteuer inszeniert und queere Freiheit als Actionkino deutet. Musikalisch präsentiert sich Butt Sex als poppiger, tanzbarer Track. Ergänzt wird die Veröffentlichung durch einen Dub Mix und einen Dance Mix.
Besonders auffällig ist die vielschichtige Gesangsproduktion: Schreie, Stöhnen, Summen und weitere vokale Texturen werden fast wie zusätzliche Percussion eingesetzt. Mykki Blanco spricht von einer «goldenen Ära» seiner aktuellen Schaffensphase. Das neue Album CAFE PARADISO erscheint am 4. September via Transgressive Records.
Musikalische Revolutionen entstehen selten an nur einem Ort. Neue Genres entwickeln sich oft parallel in unterschiedlichen Szenen und führen dennoch zu überraschend ähnlichen Ergebnissen. Ein eindrückliches Beispiel dafür ist der indische Musiker Charanjit Singh.
Singh war bereits in den 1960er Jahren als renommierter Studiomusiker an zahlreichen Bollywood-Produktionen beteiligt. Anfang der 1980er Jahre begann er, traditionelle indische Ragas mit neuen Roland-Synthesizern und Drum Machines zu interpretieren. Das Resultat war für viele Hörer:innen damals ebenso ungewohnt wie visionär.
Vor allem die gurgelnden, resonanten Basslinien und die repetitiven Drum-Machine-Grooves erinnern aus heutiger Sicht verblüffend an den späteren Chicago Acid House – obwohl Singhs Album Synthesizing: Ten Ragas to a Disco Beat bereits 1982 erschienen ist. Die LP wurde in nur zwei Tagen aufgenommen und war rasch vergriffen; auch eine spätere Reissue von 2010 erschien nur in kleiner Auflage.
Nun wird das Album erstmals in Zusammenarbeit mit dem Charanjit Singh Estate von Light in the Attic Records neu aufgelegt. Die Reissue erscheint am 7. August. Einen Vorgeschmack darauf bietet der Track Raga Lalit.
Eine weitere Ikone des eigenwilligen Musikgeschmacks ist Sir Richard Bishop. Der Gitarrist war Gründungsmitglied der experimentellen Leftfield-Band Sun City Girls, die Anfang der 1980er Jahre für ihre radikale Erweiterung traditioneller Songformen bekannt wurde.
Diese Lust am Ausreizen musikalischer Möglichkeiten prägt auch Bishops neues Soloalbum Hillbilly Erotica, das via Drag City erscheint. Das Album untersucht, was geschieht, wenn ländliche amerikanische Folk-Traditionen und Mythologien so weit gedehnt werden, bis sie psychedelisch oder beinahe fremdartig wirken.
Dabei bewegt sich Bishop auf einem schmalen Grat zwischen Ernsthaftigkeit und skurrilem Humor. Gerade diese Spannung macht Hillbilly Erotica zu einer faszinierenden Veröffentlichung.
Die katalanische Musikerin Marina Herlop, mit bürgerlichem Namen Marina Hernández López, bewegt sich auf der feinen Linie zwischen klassischer Virtuosität und spielerischer Experimentierfreude. Obwohl sie klassisch ausgebildet ist, verbindet sie in ihrer Musik Gesang, elektronische Klangbearbeitung und avantgardistische Kompositionstechniken.
Herlop arbeitet häufig mit verfremdeten Vokalfragmenten und singt teilweise in einer selbst erfundenen Sprache. Auch rhythmisch lässt sie sich von unterschiedlichen Traditionen inspirieren, unter anderem von der indonesischen Gamelan-Musik.
Mit Dja Dja hat sie nun ihr fünftes Album angekündigt – zugleich ihr erstes vollständig selbst veröffentlichtes Werk. Das Album ist als zusammenhängendes Ganzes konzipiert, bei dem die einzelnen Stücke eng miteinander verbunden sind. Jaque bildet dabei einen zentralen Moment in der Mitte des Albums.
Marina Herlop beschreibt Dja Dja als eine kraftvolle Feier des Lebens. Mit Jaque schliesst diese Ausgabe ab. Das Album erscheint am 9. Oktober.