Chrüsimüsi Records in Biel: Schräge Sounds für schöne Seelen

Mitten durch Biel verläuft der Röstigraben – doch manchmal klingt dieser wie ein gemeinsamer Akkord. Chrüsimüsi Records zeigt, wie aus Sprachgrenzen Begegnungen werden, und lädt mit dem Dauerwelle Festival (13. + 14.3.) dazu ein, die Stadt und ihre Szene neu zu entdecken. von Mirco Kaempf

26.03.03 Chrüsimüsi und Dauerwelle

Chrüsimüsi ist das Event & Recordlabel dreier Wahlbieler:innen. Einige ihrer Bands spielen nächste Woche am Dauerwelle Festival in der Bieler Altstadt.

Der Röstigraben in der Schweiz: Viel zu selten treffen Acts aus den verschiedenen Sprachregionen aufeinander. Viel zu selten hört man, was in den unterschiedlichen Szenen gerade passiert. Die sogenannte „Barrière“ ist aber nicht unüberwindbar. Ein Blick nach Biel lohnt sich, wo nächste Woche das Dauerwelle Festival stattfindet. Hier durchquert man den Röstigraben nicht nur symbolisch, sondern spielt Musik wirklich miteinander, nicht nur nebeneinander. Auf dem Festivalprogramm stehen nationale und internationale Acts wie Leopardo, The Hobknobs, Anika oder Userband. Auch das kleine Label Chrüsmüsi Records bucht während des Festivals Acts in das Cafe du Commerce.

Radio X: Du hast schon in einigen Bands und Clubs gespielt. Wie erlebst du die Musikszene in Biel, einer Stadt mit zwei [ofiziellen] Sprachkulturen?

Chrüsi-Elias: Für mich hat dieser Graben nie wirklich existiert. Ich habe vor 10–15 Jahren angefangen, in Bands zu spielen, und war schnell in Lausanne, Genf und anderen Städten unterwegs. Ich hatte Freunde in beiden Sprachregionen, daher war es für mich immer selbstverständlich. Für andere mag es schwieriger sein, aber persönlich habe ich keinen grossen Unterschied gespürt.

Radio X: Wie ist Chrüsimüsi Records entstanden?

Chrüsi-Elias: Ich kenne Romain vom Röstigraben. Er hat Konzerte organisiert, ich habe in seinen Projekten gespielt. Gabrielle kam später dazu; sie hat ebenfalls Konzerte in Straßburg organisiert. Irgendwann haben wir alle beschlossen, nach Biel zu ziehen und sowohl das Label als auch Konzerte unter einem Namen zu organisieren.

Radio X: Was macht eine Band interessant für euch?

Chrüsi-Elias: Vor allem die Verbindung. Wir arbeiten mit Freunden und Leuten aus unseren Kreisen. Wir suchen aber auch neue Projekte und versuchen, pro Konzert mindestens eine Schweizer oder regionale Band einzubauen. Stilistisch sind wir offen—Gitarrenbands, Synthesizer, Akustikprojekte—es geht mehr um Begeisterung als um Genre.

Biel hat rund 160 Nationalitäten und etwa 54.000 Einwohner:innen—die Hälfte davon ist musikalisch aktiv, zumindest kann das einem so vorkommen. Die Stadt ist ein idealer Nährboden für Kreativität: Schuldenvorbelastet, keine Spur von Gentrifizierung, kulturell reich, und seit 1950 ist die Stadt konsequent bilingual. Sogar grosse Ketten wie Subway oder H&M mussten hier schliessen, weil zu wenig Umsatz generiert wurde.

In diesem Umfeld hat sich eines der spannendsten Schweizer Musiklabels etabliert: Chrüsimüsi Records, geführt von Romain Savary, Gabrielle D’Alessandro und Elias Gamma, welchen wir für diesen Beitrag im Atomic Café direkt neben dem Bahnhof treffen.

Radio X: Erzähle uns vom Dauerwelle-Festival. Wie ist es entstanden?

Chrüsi-Elias: Dani [Digler] hat viele Konzerte in Biel organisiert und die Idee für ein Wochenendfestival gehabt. In Biel gibt es so viele kleine Spielorte—da lag es nahe. Wir übernehmen jetzt die Buchungen für Bands wie Userband, Spearflower, Hob Knobs und Blanche Piau.

Radio X: Soll das Festival den Röstigraben überbrücken?

Chrüsi-Elias: Ja, teilweise. Wir bringen französisch- und deutschsprachige Acts zusammen, dazu internationale Künstler. Es passiert oft organisch. Das Festival fördert kulturellen Austausch.

Radio X: Wie findet ihr neue Musik?

Chrüsi-Elias: Touren hilft enorm. Man trifft Gleichgesinnte und erfährt von neuen Projekten. Auch Plattenläden oder bestimmte Plattformen sind nützlich. Wichtig ist, über Algorithmen hinaus Musik zu entdecken—über Menschen, Labels und Empfehlungen.

Radio X: Spielt Sprache für euch eine Rolle?

Chrüsi-Elias: Absolut. Der Klang der Sprache ist entscheidend, egal ob ich sie verstehe oder nicht. Französisch, Schweizerdeutsch, Schwedisch, Niederländisch, Italienisch—jede Sprache bringt eigene Texturen mit.

Chrüsimüsi Records organisiert mittlerweile zwei Konzerte pro Monat und veröffentlicht alle zwei Monate ein neues Album—alles ehrenamtlich. Die Motivation ist nach drei Jahren unverbraucht, die Leidenschaft für Musik und die Plattform ungebrochen.

Die grosse Frage, für die wir den Beitrag machen wollten, stellt sich Elias Gamma, der in der Innerschweiz aufwuchs, nie: Wie überwindet man den musikalischen Röstigraben in der Schweiz?
Antwort: Einfach miteinander reden. Egal wie.

Das Dauerwelle Festival, Biels Underground-music in the Old town, findet nächste Woche statt: Freitag, 13. März und Samstag, 14. März. Spielorte sind das Café du Commerce, die Stadtkirche, Le Singe, Atomic Café und das Literaturcafé. Mit der direkten Zugverbindung aus Basel ist auch diese kleine Barriere schnell überwunden.

Radio X: Amateurismus ftw! Würde ein garantiertes Einkommen eure Arbeit verändern?

Chrüsi-Elias: Nicht wirklich. Wir machen das nebenbei, das hält die Arbeit leidenschaftlich. Wenn es ein Job würde, könnte das Herzblut verloren gehen. Der DIY-Spirit ist ein zentraler Teil davon.

Radio X: Was steht dieses Jahr noch bei Chrüsimüsi an?

Chrüsi-Elias: Wir planen noch einige Konzerte, unter anderem im neuen Quai du Bas 30 in Biel. Die Stadt hat viele offene Orte—man muss nur die Idee präsentieren und es durchführen wollen, die Leute ziehen oft mit.

Radio X: Warum sollte man Biel während des Dauerwelle-Festivals besuchen?

Chrüsi-Elias: Es ist der perfekte Zeitpunkt: Das Festival bietet einen Rahmen, um die Altstadt zu entdecken, Leute zu treffen, Konzerte zu genießen und die Stadt zu erleben. Vielleicht inspiriert es jemanden sogar, hierherzuziehen.