Bildausschnitt einer Malerei zeigt blasse Figuren unter goldenem Licht

Janiva Ellis: “I definitely paint for the present.”

Die New Yorker Künstlerin Janiva Ellis malt für die Gegenwart. Mit ihrem Pinsel nimmt sie Bezug auf den langen Kanon der Kunstgeschichte – allerdings nicht, ohne diese Tradition aufzubrechen. In ihren Arbeiten geht es um Machtverhältnisse, historische Gewaltstrukturen sowie intime, psychologische Dynamiken zwischen Menschen. von Mirco Kaempf

26.05.12 Janiva Ellis Kunsthalle

Die Kunsthalle präsentiert die erste institutionelle Einzelausstellung der New Yorker Malerin Janiva Ellis in Europa

 

Gemälde hängen oft über Jahrhunderte an den Wänden grosser Institutionen. Doch wie lange überdauert ein Bild wirklich? Für wen spricht es – und wer sind die Menschen, die es betrachten? Diese Fragen stellen sich unmettelbar am Anfang der Ausstellung „Geneva“ der New Yorker Malerin Janiva Ellis in der Kunsthalle Basel. Die Künstlerin greift Motive aus der Kunstgeschichte auf – und verschiebt sie gleichzeitig. Ihre Bilder wirken vertraut und fremd zugleich. Die Frage, weshalb das so ist, ist dabei sehr relevant.

Schon bevor man die Ausstellung betritt, beginnt diese Verschiebung. Im Treppenhaus der Kunsthalle hängt seit 1877 das Wandbild  Das Wiedererwachen der Kunst von Ernst Stückelberg. Ein historisches Gemälde mit weissen Engeln. Daneben hat Ellis eines ihrer eigenen Bilder installiert: ein schwarzer Engel mit dem Titel Glint.

Was zunächst wie eine Provokation erscheinen könnte, ist in Wirklichkeit etwas anderes – ein sensibles Porträt einer schwarzen Figur. Und gleichzeitig ein Moment, der zeigt, wie stark unsere Wahrnehmung von Kunst bereits politisch aufgeladen ist. 

Der Kontext der Ausstellung ist dabei bemerkenswert: „Geneva“ ist Ellis’ erste Einzelausstellung in einer europäischen Institution. Und sie findet in Basel statt – einer Stadt mit einer der ältesten öffentlichen Kunstsammlungen der Welt.

Dabei ist klar: die europäische Kunstgeschichte, auf die sich Ellis bezieht, wurde über Jahrhunderte hinweg vor allem von weissen Männern geprägt. Diese Tradition ist für sie nicht einfach Hintergrund, sondern Material als etwas, mit dem sie arbeitet, das sie erweitert und hinterfragt.

Radio X: I want to start with a slightly unusual question. I read that you used to enjoy clubbing. Do you see any connection between painting and dancing?

Janiva Ellis: That’s a great question. I love both. They share a sense of catharsis. Painting is very isolating, while clubbing is communal—you’re sharing that release with others. Painting is where I process difficult emotions privately, and clubbing lets me release them in public. In that sense, they’re two ends of the same experience.

This is your first institutional exhibition in Europe. Did you think differently about your audience here?

Janiva Ellis: Yes. In New York I make work knowing many of my friends will see it, so the references and humor can be very specific. With this show, I didn’t fully know the cultural context, so I approached things more broadly. I thought about what Switzerland represents symbolically and about my experiences here, which shaped the tone of the work.

Your exhibition title echoes your own name and references Switzerland. There’s also a clear dialogue with art history in the show.

Janiva Ellis: When I visited the site, all that history and prestige was very present. My work often examines the frameworks through which art—especially Black art—is viewed within the Western canon. Naming the show Geneva felt fitting because people have mistaken my name for the Swiss city my whole life. It created a personal link to this place.

Zwei Bilder hängen in einem Kunstraum
Janiva Ellis, Glint, 2026, Installationsansicht, in: Janiva Ellis, Geneva, Kunsthalle Basel, 2026, Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

Do you paint for the past, the present, or the future?

Janiva Ellis: For the present. I’m always in dialogue with the past—for example, one painting references John Martin’s The Last Judgment. But I want the work to respond to what we’re experiencing right now.

Do you ever feel weighed down by art history?

Janiva Ellis: It used to feel overwhelming, but it also offers a lot to work with. I try to build on what exists while reframing it from broader perspectives. There’s a huge archive of history to engage with, and it’s an opportunity to question the myths embedded in it.

Some viewers might interpret your work very narrowly through identity politics. Is that something you think about?

Interpretation is part of the work. If people come in with assumptions, that reflects their own history with art, race, and the world. I’m interested in creating space for overlapping psychological experiences, not just straightforward readings about power or history.

Your work carries political weight. Do you see yourself as a political painter?

Janiva Ellis: Not really. All art exists in a political context, but I don’t define my practice that way. Often artists from marginalized positions are automatically framed as political, which can be limiting. Political ideas appear in the work, but they’re not the starting point.

Last question: what kind of art would you like to see more of?

Janiva Ellis: Art that feels honest and generous—work that invites you in and asks you to spend time thinking. I’m drawn to sincerity. Cynicism and resentment feel alienating and short-lived to me.

ausstellungsansicht mit 3 bildern im vorderraum
Janiva Ellis, Geneva, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Basel, 2026, Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
bildansicht
Janiva Ellis, May Day, 2026, Installationsansicht, in: Janiva Ellis, Geneva, Kunsthalle Basel, 2026, Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

Ihre Bilder zeigen Figuren unterschiedlicher Typen – vereinfacht ausgedrückt, sind helle und dunkle Figurationen zu sehen. Viele dieser 'weissen' Figuren erscheinen verletzlich oder fragmentiert. Gesichter fehlen, Körper lösen sich im Licht auf. Szenen wirken gleichzeitig intim und unheimlich. Ellis wurde in den letzten Jahren häufig im Zusammenhang mit dem Diskurs um Black Lives Matter gelesen. Doch sie selbst sieht ihre Arbeit nicht primär als politische Malerei.

Formell arbeitet Ellis mit Ölfarbe, oft in pastelligen Farbtönen und mit starken Kontrasten aus Licht und Schatten. Goldene Lichtkegel treffen auf gesichtslose Silhouetten, dämonisch wirkende Körper tauchen aus dunklen Farbfeldern auf. In einem Bild zieht ein blauer Strudel den Blick an – vielleicht eine Anspielung auf das  Forschungszentrum CERN. Die Bildwelten wirken teilweise apokalyptisch, doch sind diese fest in der Gegenwart verankert.

Denn ihre Bilder bewegen sich auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Fragen nach Machtverhältnissen und historischen Gewaltstrukturen sind darin präsent – aber ebenso intime psychologische Dynamiken zwischen Menschen.

Besonders eindrücklich zeigt sich das in einem der letzten Räume der Ausstellung. Dort hängt ein grosses Gemälde mit ungewöhnlich gebogener Form. Die Oberfläche ist fast vollständig in dunklen Blau-, Braun- und Schwarztönen gehalten. Erst mit der Zeit tauchen Figuren aus dem Dunkel auf – je nachdem, wie sich Betrachterinnen und Betrachter im Raum bewegen und wie das Licht auf die Oberfläche fällt.

Vielleicht liegt genau darin die Stärke dieser Ausstellung. Die Malerei von Janiva Ellis gibt keine schnellen Antworten. Stattdessen stellt sie Fragen – über Geschichte, Wahrnehmung und darüber, wie wir Bilder lesen. Zu sehen noch bis zum 9. August in der Kunsthalle Basel.