Mikrotopia: Die Materie im Fokus
Was passiert, wenn wir uns selbst einmal aus dem Mittelpunkt nehmen und die Aufmerksamkeit ganz gezielt auf die Materie lenken? Die Basler Künstlerin Franziska Baumgartner lädt im Artstübli dazu ein, das Kleine ganz gross zu sehen. von Noemie Keller
26.03.26 Mikrotopia Franziska Baumgartner
Beitrag zur Ausstellung Mikrotopia von Franziska Baumgartner im Artstübli.
Wer das Artstübli am Basler Steinentorberg betritt, wird von einem tiefen, hüllenden Brummen empfangen. Es ist der Sound von Frequenzen, die nicht nur den Raum füllen, sondern auch das Herzstück der Ausstellung widerspiegeln: Drei Video-Projektionen am Boden zeigen Flüssigkeiten, die durch Schwingungen in Bewegung geraten. Was dort zu sehen ist, erinnert an sich teilende Zellen, an biologische Ursuppe oder fremdartige Organismen.
Zwischen Labor und Poesie
An der gegenüberliegenden Wand hängen streng gereihte, quadratische Bilder in Graustufen. Resultate unzähliger Experimente mit Tusche und Acryl. Es ist ein Spiel mit Viskositäten und Oberflächenspannungen, ein prozessorientiertes Arbeiten mit viel Experimentieren und Beobachtung.
„Ich plädiere für einen Blick weg vom Menschen, hin zur Wirkmacht der Materie“, erklärt Baumgartner im Interview mit Radio X.
Der Mensch als Teil des Ganzen
Franziska Baumgartner stellt die Materie in den Fokus und möchte menschliche Hierarchien aussen vorlasssen. Und dennoch: Auch wenn die Materie autonom agieren soll, fängt das menschliche Gehirn beim Betrachten sofort an zu interpretieren. Wir suchen nach bekannten Mustern, nach Leben, nach einer Geschichte.
Dieser Widerspruch ist von der Künstlerin durchaus gewollt. Die Atmosphäre in «Mikrotopia» schwankt bewusst zwischen faszinierender Ästhetik und einem leichten Unbehagen.
"Ich finde, es macht den Raum auf, weil es einem auch emotional betrifft, wenn man etwas abstossend oder anziehend findet und wenn es ambivalent ist... Ich glaube, man ist sehr stark mit sich selbst konfrontiert. Man muss irgendwie schauen, was passiert gerade, was sehe ich eigentlich da? Warum, was macht es jetzt mit mir? Also es wirft einen zurück auf sich selber."
Am Ende wird der Blick auf das Kleine zum Spiegel für uns selbst. Für Baumgartner ist genau das die eigentliche Utopie: Die Erkenntnis, dass alles, ob lebendig oder nicht-lebendig, miteinander verbunden ist.
Einladung zum genauen Hinsehen
«Mikrotopia» ist keine laute Ausstellung. Sie ist eine Einladung zur Entschleunigung und zum präzisen Beobachten. Wer sich auf das Wechselspiel aus Ordnung und Chaos einlässt, verlässt die Galerie vielleicht mit einem geschärften Blick für die kleinen Wunder, die uns im Alltag oft verborgen bleiben.
"Ich glaube, ich würde mir wünschen, dass es auch eine Freude auslöst am Beobachten, am Details erkennen, in Strukturen und Formen, die man auch in der Umwelt eigentlich entdecken kann, wenn man hinschaut. Und dass sie vielleicht mit einem geschärften Blick oder einem geschärften Interesse ihren Blick aufs Aussen richten."
Mikrotopia ist noch bis zum 25. April 2026 im Artstübli, Steinentorberg 28 in Basel, zu sehen. Die Öffnunngszeiten sind jeweils Donnerstag und Freitag von 11 bis 18 Uhr und Samstag von 14 bis 18 Uhr.