Bauarbeiter beim Bellevue, um 1962. Fotografie: Hans Krebs. © ETH-Bildarchiv, Zürich.

Ein oft vergessener Beitrag zum Schweizer Wohlstand

Die Ausstellung «Wir Saisonniers» in der Photobastei Zürich macht die oft unsichtbare Geschichte migrantischer Arbeitskräfte in der Schweiz sichtbar. Persönliche Geschichten und historische Dokumente zeigen, unter welchen Bedingungen Saisonniers lebten und arbeiteten und wie stark Migration politisch gesteuert wurde. Gleichzeitig wirft die Ausstellung einen Blick in die Gegenwart und zeigt, dass die Debatte über Migration bis heute anhält.

26.04.03 Wir Saisonniers...

Wir Saisonniers... Eine Ausstellung über sichtbare Arbeit und unsichtbare gemachtes Leben.

Die Schweiz gilt als wohlhabendes Land mit funktionierender Infrastruktur und hoher Lebensqualität. Oft geht dabei vergessen, wer diesen Wohlstand mit aufgebaut hat. In den Nachkriegsjahren warb die Schweiz gezielt Arbeitskräfte aus dem Ausland an. Menschen, die auf Baustellen, in Fabriken, Hotels, in der Landwirtschaft oder in Privathaushalten arbeiteten. Viele von ihnen kamen als sogenannte Saisonniers.

Obwohl diese Arbeitskräfte einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung der Schweiz geleistet haben, ist ihre Geschichte bis heute wenig sichtbar. Die Wanderausstellung «Wir Saisonniers» in der Photobastei Zürich widmet sich genau diesem Thema. Nach Stationen in Genf und Biel bringen die beiden Historikerinnen Anja Suter und Nicole Peter die Ausstellung nun nach Zürich.

Ein Zeitstrahl der politischen Debatten

Im ersten Raum der Ausstellung zeichnet ein Zeitstrahl das politische Klima in der Schweiz rund um das Thema Saisonniers nach. Ein wichtiges Datum ist das Jahr 1931, als das sogenannte Saisonnierstatut eingeführt wurde. Es regelte, unter welchen Bedingungen ausländische Arbeitskräfte in die Schweiz kommen durften. In den ersten Jahrzehnten kamen viele Saisonniers aus Italien, später auch aus Spanien, Portugal oder dem ehemaligen Jugoslawien.

Ein weiterer zentraler Moment ist das Jahr 1970, das Jahr der sogenannten Schwarzenbach-Initiative. Diese wollte die Einwanderung stark einschränken. Zwar wurde die Initiative abgelehnt, doch rund 46 Prozent der stimmberechtigten Männer unterstützten sie. Frauen hatten damals noch kein Stimmrecht auf nationaler Ebene.

Abstimmungsplakate, Flyer und Zeitungsartikel aus dieser Zeit zeigen, wie emotional und teilweise aggressiv die Debatte geführt wurde. Schlagzeilen wie «1 Million Ausländer aber entlassene Schweizer stehen vor dem Nichts» veranschaulichen die Stimmung jener Jahre.

Persönliche Geschichten von Ausgrenzung

Gegenüber der politischen Propaganda hängen persönliche Briefe von ehemaligen Saisonniers und ihren Kindern. Sie erzählen teils von einem Leben am Rand der Gesellschaft. Eine Person schreibt:

"Mit fünf Jahren kam ich in den Kindergarten. Ich konnte kein Wort Deutsch. Ich hatte keine Freunde. Ich war immer das ‘Tschingg-Mädchen’."

Der erste Raum macht deutlich, wie stark Diskriminierung und Rassismus in der Schweizer Gesellschaft verankert waren und teilweise bis heute sind. Migration wurde politisch gesteuert: Arbeitskräfte wurden gerufen, wenn sie gebraucht wurden, und wieder weggeschickt, wenn sie nicht mehr benötigt wurden.

Leben im Verborgenen

Der zweite Raum der Ausstellung ist blau gestaltet und zeigt, unter welchen Bedingungen Saisonniers lebten. Oft wohnten sie in einfachen Unterkünften, teilweise in Baracken am Stadtrand. Familiennachzug war meist verboten, weshalb viele Kinder im Herkunftsland bleiben mussten oder versteckt in der Schweiz lebten.

Der Raum thematisiert das Spannungsfeld zwischen der sichtbaren Arbeit und dem unsichtbaren Privatleben. Gleichzeitig zeigt die Ausstellung, dass viele Saisonniers aufgrund von Fremdenfeindlichkeit eigene soziale Räume schaffen mussten, um Gemeinschaft und Unterstützung zu finden.

Migration bleibt ein aktuelles Thema

Im letzten Raum schlägt die Ausstellung den Bogen zur Gegenwart. Migration prägt bis heute politische Debatten in der Schweiz. Prekäre Aufenthaltsstatus wie Sans-Papiers bestehen weiterhin, und Diskussionen über Zuwanderung sind nach wie vor aktuell.

Dies zeigt sich auch im Zusammenhang mit der kommenden Abstimmung zur SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz». Zwar spricht heute niemand mehr von Saisonniers, doch oft ist weiterhin von «Arbeitskräften» statt von Menschen die Rede. Sie werden geholt, wenn sie gebraucht werden und sollen gehen, wenn sie nicht mehr erwünscht sind.

Die Ausstellung «Wir Saisonniers» ist noch bis zum 21. Juni in der Photobastei Zürich zu sehen. Informationen zum Rahmenprogramm gibt es unter photobastei.ch